Sprache, 

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ist Kommunikation mit der Welt. Die Welt dreht sich und das Erleben von physischen wie mentalen Zuständen bedeutet, bei Sinnen zu sein.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)

Ich bin bei Hans eingeladen und das heißt zu Gast sein in der Welt, weil ich niemanden kenne, der sich mehr mit dem Weltgeschehen beschäftigt als Hans. Als selbst unpolitischer Mensch finde ich Hans faszinierend, er hat seiner Neigung folgend sein Interesse zu seinem Beruf gemacht: als politischer Journalist ist er Wortkünstler und ein präziser Formulierer sowie Kenner wahrer italienischer Köstlichkeiten. Ich fühle mich stets ein wenig Zuhause bei Hans. Ungelöstes und Fragen, die mir anhaften, weiß das Orakel zu lösen, aber nicht ohne eine Gegenleistung. In Märchen waren es meist Jungfräulichkeit oder das Leben, beide Tribute sind heute aber nicht mehr angesagt und so habe ich einen französischen Rotwein mitgebracht. Es freut mich, diesen mit Hans zu teilen und ich fordere ganz selbstverständlich das Recht des seltenen Gastes auf einen augenblicklich angenehmen Abend ein.

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Gastfreundschaft, liebe Planetarier, ist die universelle Heimat des Menschen. Der Gast ist eine pur menschliche Errungenschaft, Freundlichkeit erst recht. In der Steinzeit wurde man als Gast auch schon mal in die Höhle gebeten und aufgegessen. „So wird das nix“, sagte sich der Mensch und erfand die vornehme Zurückhaltung und Kommunikation.
Aus dem Bedürfnis, in unwirtlichen Zeiten einen Garanten für gegenseitige Hilfe zu haben – eine Frühform der Versicherung – entstand Gastfreundschaft. Um sich nicht gegenseitig aufzuessen, kam man überein, vorwiegend mit nicht humanoider Nahrung aufzuwarten. Bewährt haben sich Wärme, Kekse, Chips, italienische Vorspeisen, ein besonderer Rotwein und ein gutes Gespräch. Wem das gefällt, der ist willkommen. Wer Geschichten bringt und mitnimmt, ist ein Mensch von Welt.

In diesem Kommunikationszeitalter bin ich oft müde weil ich mir einbilde, dass ständig auf mich „ein-KOMMUNIZIERT“ wird. Kommunikation ist der Austausch von Informationen. “Information“ ist in diesem Zusammenhang eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnis oder Erfahrung.
Mit „Austausch“ ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint und nicht ein Abfüttern mit Nachrichten, Frühstücksfernsehen, N24, Tagesschau, Tagesthemen, heute, heute Journal bzw. der ZDF-Mediathek, CNN, CBS, CTV News Channel, C5N, NHK World, India TV News, Sky News, 7News, Bloomberg TV, Al-Arabiya, Al Jazeera, Russia Today …….., bis ich mich erbrechen könnte.

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Da kann Werbung helfen!
Abhilfe bringt Renni! Slogans wie „Renni räumt den Magen auf“ haben immer schon mein Bewusstsein erweitert, um ein Parallel-Universum zu betreten, wo Renni (ich glaube über all die Jahre, dass sie weiblich ist, Mutter von mehreren Kindern und das Aufräumen beherrscht wie keine Andere) mit einer Kittelschürze anpackt und aufräumt, alles im Magen ordnet nach Farbe und Alphabet, letztlich mit dem Schrubber und einem Eimer die Magensäure hinwegfegt.

 

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Bei Sprichwörtern wie „Schüttet jemand das Kind mit dem Bade aus“, geht es um blinden Eifer, der schadet. Muss jemand etwas ausbaden, dann beseitigt er unangenehme Folgen seines Handelns oder meistens das eines Anderen. Es hat nichts mit Baden im eigentlichen Sinne zu tun. Deshalb VORSICHT bei falsch zitierten Sprichwörtern, diese verursachen bei längerem Grübeln mitunter temporäre Verwirrtheit. Sprüche wie „in der Kürze liegt die Würze“ haben bei mir nur in der Küche eine hierseitige Berechtigung und obliegen altjapanischer Dichtkunst, dem Haiku.

Der Haiku gilt als die kürzeste Dichtform der Welt. Japanische Haikus bestehen meistens aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten, wobei die Wörter in den Wortgruppen vertikal aneinandergereiht werden.
Dozierend, mit der Hand kleine Kreise in die Luft malend, pflegt Professor Kuwahara darauf zu verweisen, dass es ein unverzichtbarer Bestandteil von Haikus ist, stets absolute Korrektheit und einen Bezug auf die Gegenwart zu haben. Der Haiku ist frei von Floskelhaftigkeit des Alltags-Geredes. Kein Wort ist darin zu viel. Trotz äußerster Knappheit trägt er eine Kraft in sich, die uns hellwach macht. Das Verstehen eines Haikus ergibt sich nicht aus einer Argumentationskette und eben nicht blitzartig in unserem Kopf. Sondern eher wie ein Bild im Fokus, das langsam an Schärfe zunimmt und in uns ein Gefühl erzeugt, mitunter neu oder altbekannt. Wir finden in Worte gefasst, was wir vielleicht selbst schon mal gedacht oder empfunden haben – aber nicht so klar reduziert auf die wesentlichsten Elemente. Das macht den Haiku so einzigartig.

„Der Wintertag eilt –
dem neuen Jahr entgegen –
durch das stille Tal.“

Als besonderes Haiku-Wesensmerkmal gelten auch die nicht abgeschlossenen, offenen Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigen. Der Autor ist unbedeutend und bleibt im Schatten seines Werkes. Im Text wird nicht alles gesagt, Gefühle werden nur selten benannt. Diese sollen sich erst durch die aufgeführten konkreten Dinge und den Zusammenhang erschließen. Wie ist es möglich, dass sich zwei Welten gerade durch ein Minimum an Worten vereinigen und deckungsgleich werden?

Fühlen, Spüren und Erleben – mit Zeitverzögerung, wenn das Bewusstsein vielleicht zeitlich versetzt hinterherkommt. Das lässt generell den Japaner so zentriert und im Hier und Jetzt erscheinen. Oder vielleicht muss er auch erst eine emotionale Legasthenie durch Innehalten, das zur Bewusstwerdung führt, überwinden…? Ich habe bis heute nicht verstanden, wie Japaner so ticken.

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Auch das Schreiben von Aphorismen ist die Kunst, in voller Kürze Bände zu sprechen. Wie besonders es auch ist, einen Roman oder einen Essay zu schreiben, es besitzt eine gewisse Größe, dass Erzähltes sich auch gerne auf verschlungenen Pfaden entwickelt. Da muss nicht jeder Satz als Zitat taugen.
Ich schenke noch den letzten Wein ins Glas, proste mit einer überschwänglichen Geste Hans zu und rufe aus, „da kann man langsam zur Sache kommen“.
Hans nippt von dem übervoll eingeschenkten Glas Rotwein und merkt an: „Im Aphorismus hat alles punktgenau zu sein.“

In absoluter Finsternis ist es ein kleines Licht, das unsere Sinne schärft. Über den Aphorismus kann man nicht hinweglesen, sein Lichtstrahl lässt innehalten.
Mit tiefer Stimme, wie ein Schauspieler eines Bühnenstückes, wirft er den Kopf zurück und ruft mit leicht gehobenem Kinn: „Es gibt nur eine Chance, die Idee muss sofort zünden.“
Dieses Sprach-Streichholz kann nicht mehrmals angerissen werden, bis sich der gewünschte Effekt einstellt. Aus einer schwammigen Intuition wird ein Statement des hellen Bewusstseins. Wie Gnade fällt uns im Aphorismus eine Feststellung oder Betrachtung in den Schoß, die sich von der Frucht des eigenen Denkens kaum unterscheiden lässt. Flüchtig und scheu wie ein Reh, bereit gleich zu fliehen, wenn es entdeckt wird. „Insofern ist der Aphorismus auf dem Sprung“, sagt Hans. Er weiß um den perfekten Moment, als lebendes Lexikon, er sagt stets sehr genau und auf den Punkt, um was es geht.

Zwar steht jede glanzvolle Formulierung meist am Ende einer Gedankenkette, die erst mit Füller in ein Notizbuch gekritzelt und in stillen Betrachtungen gereift ist, zig Möglichkeiten wurden erdacht und abgewogen. All das tritt jedoch zurück, stolz präsentiert wird nur der Aphorismus, das Sprachkunstwerk.

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„Im Aphorismus ist der Gedanke nicht zu Hause, sondern auf dem Sprung!“ sage ich und trinke den letzten Rest meines Weins in einem Zug aus. „Ich bin auf dem Sprung“, sage ich an Hans gewandt, der meine Art, plötzlich aufzubrechen, kennt. Es hat begonnen, leicht zu regnen und erst kurz nach Mitternacht überlege ich, gleich nach Hause oder noch wohin zu gehen. Der sanfte Hall des Regens in der Straße dringt gedämpft durch einen Origami-Nebel zu mir. Ich winke ein Taxi herbei und steige ein. Das Smartphone vibriert,

„L Jö, vielen Dank f d Text. D Setting hört sich gut an.
Wir können ja viell. mal nä. Wo. (habe Urlaub bin flexibl) tel. dann kannst D es m genauer erklären.“

W A S – W I E, wer erklärt mir diese kryptische SMS? Ich habe es nie verstanden im Sinne von „Short Message Service“ Nachrichten zu versenden, der Vorteil dieser verkürzten Eilnachricht liegt eindeutig nur beim Absender. Ich muss sie dreimal lesen, um diese zu entziffern.
Ob ich die Nachricht richtig dechiffriert habe, weiß nur die Enigma und die nehme ich nicht immer mit, wenn ich das Haus verlasse.
(Anm. der Redaktion: Nicht Enigma mit dem One Hit-Wonder „Return To Innocence“, sondern die Enigma, die zum Ver- und Entschlüsseln von Nachrichten im Zweiten Weltkrieg vom Deutschen Militär verwendet wurde).

„Bei m ist M Fo. Shooting o nächste Woche zw 15. u 20. Ginge noch ein Termin f mich.
D macht m e Freude :- )
Herzliche Grüße
K“ 

Mich beschäftigt nun als erstes die Tatsache, warum „Herzliche Grüße“ ausgeschrieben und nicht auch mit „HG“ abgekürzt wurde.
Als zweites frage ich mich „wer ist K“?

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Kommunikation immer und überall, kann hinterrücks wie eine Einberufung zum Militärdienst zu einem kommen, vor allem am meisten gerade dann, wenn es am unpassendsten ist. Der Taxifahrer also fixiert mich wie ein nervös um sich blickendes Erdhörnchen und fragt „woao wallen sig hihnnfahren?“
„Was?“ frage ich und er wiederholt seine Frage. Ich überlege: was könnte mein Sprachzentrum bzw. mein Gehör beeinflusst haben? Sofort denke ich als Hypochonder an ein Blutgerinnsel oder einen Virus.
Mulder und Scully aus der Science-Fiction-Serie „The X-Files“ hätten sicher einleuchtendere Erklärungen wie ein Komet, der an der Erde vorbeifliegt und die dadurch entstehende magnetische Verwirbelung Uhren und Computer stören kann. Wieso nicht auch mein Sprachzentrum im Gehirn? Ich hacke eine kurze Notiz in mein Smartphone und merke mir vor, zur Abklärung einen Computertomographie-Termin zu machen.
„Wohiinee“ versucht er es erneut und verstärkt die Betonung und Dehnung auf die e’s. Phonetisch glaube ich, hat das Gesprochene durchaus eine Ähnlichkeit mit der deutschen Sprache, Freude keimt in mir hoch, diese Sprachhürde zu enträtseln. Erinnerungen an einen Auslandsaufenthalt im Berner Oberland kommen mir in den Sinn, und dass die Schweizer, für uns fremd, sich einer eigener Betonung bedienen, an die ich mich erst gewöhnen musste.
„Ah“ sage ich, „Sie sind Schweizer!“
„Neeeiiin Neugeelander and where is it?“

„Ostbahnhof“ sage ich und gebe mir Mühe, deutlich zu sprechen, ohne belehrend zu klingen. „Eastbaahnhoof“ sagt er. Zu spät, der Taxifahrer ist genervt und gibt Gas, so dass der Wagen einen Satz nach vorne macht und ich auf die Rückbank falle.
„East station“ sage ich weltmännisch und auf verschlungenen Pfaden fährt der Neuseeländer Taxifahrer durch den Großstadtdschungel.
GROßStadt DSCHUNGEL – komische Wortschöpfung – ich sehe vor meinem geistigen Auge einen Maori mit Ganzkörper-Tattoo, der mit einer Machete ein Verkehrsschild bearbeitet, damit das Taxi eine Fußgängerzone ungehindert passieren kann.
Ich denke „Asphalt-Indianer“ – und sehe ein paradoxes Bild.

Schwer verdaulich und doch existent sind im Deutschen paradoxe bis widersprüchliche Wörter, wie z.B.

  • Gefrierbrand
  • Holzeisenbahn
  • Wahlpflichtfach
  • Doppelhaushälfte
  • Fruchtfleisch
  • Holzplastik
  • Flüssiggas
  • Handschuh
  • Hassliebe
  • Einteiler
  • Leichtgewicht
  • Feuerwasser
  • Trockeneis

Nach einem Fahrstuhlgespräch (Anmerkung: Fahrstuhlgespräch: meist höflichkeits- abhängige Kurz-Konversation ohne fundiertes Wissen zu Themen oder Personen, weil diese Inhalte oft von großer Unbedeutendheit oder aufgrund mangelnder Konzentration geführte Unterhaltungen sind) rief ich meinem libanesischen Nachbarn hinterher, „denk mal darüber nach“. Worauf er sofort die Fahrstuhltür nochmal öffnete und meine Weiterfahrt verzögerte mit der Frage: „Welches Denkmal soll ich sehen?“

Geschriebene und gesprochene Wörter sind wechselnde Standpunkte, wie zum Beispiel:

Die Spinnen.
Die spinnen.

Der gefangene Floh.
Der Gefangene floh.

Wäre er nur Dichter!
Wäre er nur dichter!

Beschädigte Liegen in meiner Filiale.
Beschädigte liegen in meiner Filiale.

Vor dem Fenster sah sie den geliebten Rasen.
Vor dem Fenster sah sie den Geliebten rasen.

Die hellen Lichter der nächtlichen Stadt ziehen am Fenster vorbei. Die Route zum Ostbahnhof, die der Fahrer gewählt hat, kenne ich nicht. Ich nehme den Gesprächsfaden nicht erneut auf und übe mich im Vertrauen, ans Ziel zu kommen. Eine Ahnung in mir souffliert mir aber, dass das Ziel nicht der Ostbahnhof ist!
Das Taxi hält vor dem E-Werk, was ein Club ist. „17777aaachtzig“ heißt es von vorne.

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Es ist keine Garantie, liebe Planetarier, wenn jemand sich durch Sprache ausdrückt, dass man wirklich verstanden wird. Sprache ist nur ein Mittel zum Ausdruck von Emotionen und Gedanken. Ebenso spielen Mimik, Gestik sowie Körpersprache eine Rolle, um sein Innerstes nach Außen zu kehren.

Sprache ist eine Definition ALLER kommunikativen Möglichkeiten.

Diese äußere Welt kann nur soweit in das Bewusstsein eindringen, wie das linguistische System in der Lage ist, sie zu fassen. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, versagt die Sprache. Bedeutet: was nicht mehr in Worte zu fassen ist, geht über ins nicht-mehr-Weltliche, gleitet ab in die Transzendenz.
Die nicht vorhandene Sprache bietet die Möglichkeit der direkten Gedankenübertragung von Bewusstsein zu Bewusstsein, da dieses nicht nur aus Worten, sondern auch aus Bildern und Gerüchen und Geräuschen etc. besteht.

Wenn ich meine vorhandenen Sinne einsetze, muss die Grenze meiner Sprache nicht auch die Grenze meiner Welt sein.

 

Betrachten, 

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ist ein schöpferischer Akt. Jedes Bild, das unser Auge aufnimmt, steht erst einmal auf dem Kopf. Es ist ein neuronaler Komplott, eine humanbiologische Meisterleistung, das eingefangene Bild auf der Netzhaut in unserem Gehirn umzudrehen. Ich stelle mir dabei Lichtblitze vor, die dann durch die Hirnrinde rasen und alles gerade rücken. Im Stroboskoplicht, wie bei einer Techno-Party, so als ob das Bild durch die Schädeldecke kullert, wie ein Rührsteinchen in einer Farbspraydose. Ist das Bild dann umgedreht, so enthält es dermaßen viele Details, dass unser Gehirn – einerseits automatisch, zum anderen aber gemäß unseren Interessen und Bedürfnissen – aus diesen Einzelheiten auswählt, was uns schließlich bewusst werden soll. Klingt nach einer ganz einfachen, normalen neurologischen Abfolge, ist aber hochkompliziert.

Wenn in der Schnelligkeit beim Sehen eine Lücke entsteht, gleicht das Gehirn diese mit Erinnerungen aus: Bewusstwerdung durch bildhafte Ergänzung.
„Unbewusst – Lücken – Füllen“

Schon die Blüte einer Rose wird ganz unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, wer sie betrachtet: eine Gärtnerin zum Beispiel, die an der Vitalität und Frische der Pflanzen Interesse hat, oder ein Geburtstagskind, das beschenkt durch einen wunderschönen Strauß darin Symbol und Botschaft erkennt.

Mutwillige Bewusstwerdung ist zuweilen schwierig bis unmöglich, es braucht die Gunst der Stunde, dass die Muse einen küsst, so dass Kunst lebendig wird. Im Umfeld von Künstlern sind meistens Frauen die Inspirationsquelle. In der antiken Vorstellung kamen Ideen nicht von selbst aus sich hervor, sondern wurden von Außen – von den Göttinnen, eben den Musen, durch den Musenkuss eingegeben.

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Ein niederländischer Maler hat sich in seinem Ringen mit der Inspiration ein Ohr abgeschnitten. 
„Um nicht genau das wiederzugeben, was das Auge sieht, bediene ich mich der Farbe viel willkürlicher, um mich kraftvoll auszudrücken“, so Vincent van Gogh.
Dieser Blick – hinter die Kulissen zu sehen, ist es, was Kunst ausmacht.

Gerade die Eigenschaft, sich mit etwas zu beschäftigen und andere Wahrheiten zu erkennen und diese dann in einem Prozess zu extrahieren um sie letztlich zu transformieren, in Wort, Bild oder auf einer Leinwand…..in welcher Form auch immer, dann ist es Kunst.
Vincent van Gogh kultivierte vor 125 Jahren in der für ihn ganz eigenen Art, Dinge und Menschen zu sehen, die bis heute eine große Faszination ausübt.

Obwohl seine Bilder heute gewürdigt werden und Höchstpreise erzielen – die Sonnenblumen sind mit rund 40 Millionen US Dollar dotiert, so starb van Gogh in dem Bewusstsein, zu Lebzeiten kein einziges Bild verkauft zu haben.
Am Anfang ist es immer eine weiße Leinwand, oder ein Blatt Papier, das beschrieben oder bemalt werden will. Wobei ich nicht genau weiß, wie gerne so ein Blatt oder eine besagte Leinwand wirklich gerne beschrieben werden will – so ist dieses erst mal rein hypothetisch und genauere Erkenntnisse liegen mir darüber nicht vor.
Es braucht die Muse.
In meinem Fall ist es keine Leinwand.

Ich sitze vor meinem Laptop und blicke gebannt auf den Cursor, der mir blinkend mir in einem geheimen Morse-Alphabet versucht, eine Botschaft zukommen zu lassen. Aber vergebens, ich verstehe sie nicht. Mir ist es nicht möglich, diese Nachricht zu entschlüsseln.
So muss ich selbst, ohne Hilfe vom Universum, etwas schreiben, weil es mittlerweile über ein Jahr her ist, seit der erste „Liebe Planetarier“-Post veröffentlicht wurde. Meine Redakteurin hat gleich nach der Veröffentlichung gefragt, wann der nächste Blog erscheint und ihre Erwartung an mich war spürbar.

Mir scheint es ist wie in den Weltkriegs-Wochenschauen: schwarze Nacht, roter Alarm und hoch hinauf in der Finsternis goldene Scheinwerfersäulen. Dann kreuzen sich die Strahlen, irgendwo in meinem Kopf. Ich will schreiben, aber es will nicht recht gelingen. Vielleicht geht das ja auch umgekehrt, das Bild im Kopf wird in Worte umgewandelt. Ich konzentriere mich, und…..?
Da ist ein Satz, er leuchtet im Brennpunkt dieser glashellen Röhren aus Licht, ich setze mich spontan aufrecht, starre wie gebannt in das große Nichts auf dem Bildschirm und tippe staccatomäßig in meinen Laptop.
Ich schreibe: „Es ist wie in den Weltkriegs-Wochenschauen: schwarze Nacht.“ Schwarz fliegen die Buchstaben aus dem Word-Programm herbei und bilden Wörter, ich konzentriere mich und versuche, der Spur des Satzes zu folgen. Die Halogenkegel und Lichtfinger meiner Aufmerksamkeit streifen über die ungeheuerliche Masse an wild wühlendem Ungesagtem. Und futsch.
Der Satz ist abgetaucht ins wimmelnde Plankton der Wortlosigkeit wie ein schwarzer Delphin.
Wie beim Großfisch-Angeln nur mit einer Schnur und Haken, ist es eine Geduldsübung, die Angelschnur durch das Wasser zu führen und lockend auf den Haken aufmerksam zu machen. So kann ich jetzt nur auf die Rückkehr der Worte warten.

Ich drehe meinen Stuhl und schaue auf ein Foto an der Wand, das ich 2002 bei einer Ausstellung vom Münchner Fotografen Mark Hachmann gekauft habe. Das Bild bedeckt fast die ganze Wand. Es ist damals noch analog aufgenommen worden und nicht nachbearbeitet, das muss in unserer digitalen Zeit angemerkt werden, weil es auch in einem dominanten Blauton gehalten ist. Dieser Blauton hat mit der vorherrschenden Lichtsituation und der gewählten Belichtungszeit zu tun.

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Es zeigt einen japanischen Kiosk, mit Süßigkeiten, Comics und Zeitschriften. Am Bildrand ist eine Hand, die eine offene Brieftasche hält – bereit, sofort zu bezahlen, wenn das Gewünschte erhalten ist. Sehr zentral in diesem Photo sieht man einen Mann, der sich gerade eine Zeitung nimmt. Sein Blick fixiert diese eine vielleicht noch verbliebene Ausgabe, hinter ihm sind, etwas unscharf, Glückslos-Automaten zu sehen.
Eine Familie, die Mutter trägt eine weiße Maske vor dem Mund, hält ein Kind auf ihrem Arm.
Der Vater steht neben ihr. Vielleicht ist es gar keine Familie, sondern Tante und Onkel…..so verschwimmt das Betrachten und die Interpretation. Obwohl ein Photo wenig Spielraum für Fantasie lässt, denn meistens bildet ein Photo die Wirklichkeit exakt ab und zeigt die Situation oder die Dinge ungeschönt wie sie sind.
Mich hingegen inspiriert es und lässt mich träumen, dass dieses Bild ein Portal ist für viel mehr.

Heute jedoch nicht, zumindest nicht in dieser Art, dass etwas dabei heraus käme, das ich in den Blog LIEBE PLANETARIER schreiben könnte, viel mehr in jener, dass mich die Betrachtung hineinzieht wie einen Kiffer, der ein paar Lungenzüge macht und eine entspannte, leicht entrückte Wirkung verspürt.

Kunst kann vieles sein: überflüssig, provokant, teuer, schlecht.
Kunst kann auch süchtig machen! Wenn das so ist, muss man immer wieder diesem Drang folgen.
Es gibt therapeutische Versuche, diese Sucht zu heilen, mit teilweise guten Ergebnissen, wie zum Beispiel durch Fernseh schauen. Dabei ist es unerheblich, ob öffentlich-rechtliches oder Privatfernsehen.
Die Kommerzialisierung und das Buhlen um die Einschaltquote macht gefällig und dröge, es verschiebt die Wirklichkeit aus dem Zentrum des eigenen Lebens.
Ich merke, dass die Wirkung des Bildes schwächer wird. Ich brauche mehr, um meine Muse zu finden, etwas Stärkeres. Und so reiße ich mich los, aus meinem blauen Traum.

Es ist 21:15h. Ich schnappe mir meine Jacke und verlasse fluchtartig die Wohnung, um meinen Dealer zu treffen.
Wir sind in der Hypo-Kunsthalle verabredet, wo Klaus (Name wurde geändert) mir Zutritt verschafft hat, indem ich heute Abend auf der Gästeliste stehe.

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Zu sehen ist die Ausstellung INSZENIERT mit dem Sound von Harry Klein: Clubbing trifft Kunst. Es ist wie Abbott & Costello, wie Simon & Garfunkel, wie Pink & Floyd, Nitro & Glyzerin… Es kann eine Mischung sein wie Ecstasy und Kokain oder, heute Abend, eher ein Cocktail – Cuba Libre. Bedeutet „freies Cuba“ und ist doch nur Cola mit Rum.
Ich eile an dem Wummern der Bässe vorbei, es ist noch nicht viel los auf der Tanzfläche und treffe Freunde von mir. Gemeinsam streifen wir durch die Ausstellung. Gegenseitig zeigen wir einander, was vermeintlich sehenswert ist. Das hilft ungemein, weil nicht alles selbst gesehen, selbst beurteilt und selbst verdaut werden muss. Wie eine Swat-Einheit gehen wir hinein, geben uns gegenseitig Rückendeckung und tauschen Gesehenes miteinander aus. Stimmen unsere Vorgehensweise auf einander ab, ob wir allein oder zu zweit den nächsten Ausstellungsraum inspizieren. Wir haben dieses Prozedere nicht zusammen trainiert, aber jeder von uns ist in Sachen Kunst ein Profi und so reicht ein Blick und ein kurzes Kopfnicken, um sich zu verständigen. Wie: komm weiter, schau hier, haste nicht? Sollste aber!
Schnell sind wir mit der Ausstellung durch. Nur ein Verlust ist in der Truppe zu beklagen, er hat es nicht geschafft mit uns wieder rauszukommen. Und so lassen wir ihn der Ausstellung zurück.
Mit gewissen Verlust ist immer zu rechnen.

Cola ist immer viel zu süß, deshalb braucht es im Cocktail stets auch eine bittere Note. Und so zieht es mich magisch immer näher zu dem mittlerweile ohrenbetäubenden Rhythmus, der jetzt von der vollen Tanzfläche kommt. Ich bin sehr gespannt von dem „Rum“ zu kosten.
Je näher ich der brodelnden Masse von Menschen komme, die sich im Beat der Bässe bewegen, erfasst mich eine Klangwoge – wie ein Gezeitenstrom nach der Ebbe, wenn die Flut kommt, und zieht mich hinaus ins offene Meer, in die unendlichen Weiten des Techno, um mich zu verschlingen. Auch ich bin gleichgeschaltet mit der Masse, bewege mich schüttelnd, zuckend in Richtung Bar.

 

 
Vom Techno Sound kann man sich auch tanzen „lassen“, mitgerissen und gleichgeschaltet in einer wabernden Woge von Menschen. Das Dunkel ist nur vereinzelt durchbrochen von bunten Lichtern, die im Rhythmus aufleuchten. In seiner natürlichen Umgebung im Untergrund eines Technobunkers hört sich Techno an wie ein Windkanalpropeller in Feierabendlaune.
Der echte Technofreund erbaut sich an dem klangkörperlichen Vollgefühl, das einem in rythmischem Rucken das zentrale Nervensystem aus dem Leib zerrt. Nach zwei Stunden schmerzt mein Brustbein vom unaufhörlichen Hämmern der Bässe, mir scheint es auch als haben alle Menschen um mich herum mehr Spaß und amüsieren sich offensichtlich mehr als ich. Techno ist nicht meine Droge.

Ich verlasse forsch und etwas taub den Ort, begleitet von einem Pfeifen in den Ohren. Der nächtliche Himmel sieht aus wie bei Star Wars, nur mit weniger Sternen und wie bei einer schlechten asiatischen VHS-Raubkopie eben mit einem grauen Streifen über dem Bildschirm. Ich fühle mich so zerblitzt, zerdonnert und zerbrechlich, wie von einem japanischen Manga-Fabelwesen leicht verdaut und doch wieder ausgeschieden.
Ich war auch nicht mehr alleine, die Müdigkeit war gekommen und begleitete mich nach Hause. Da kam meine Droge, langsam und streng, mit einem glühenden Gefühl in meinem Kopf. Um die Müdigkeit geht es bei jedem berauschten Seinszustand. Koks und Crack machen zwar erst wach, aber Opiate entspannen wieder und der Engel des Mohns lässt einen verträumt und selig schlafen. Es geht um die Vertreibung der Müdigkeit, ihre Rückgewinnung, ihre Vertiefung.
Meine Droge ist Schlafentzug, einfach und billig, im Verhältnis auch die gesündeste Möglichkeit und effektiv in der Wirkung.
Wie ein BLACK MOUNTAIN stand die Müdigkeit vor mir, und ich trieb einen Stollen hinein, immer tiefer hinein. Nach Überwindung des toten Punktes wird der Rausch substantiell.

Ich bin müde und muss noch an meinen Laptop. Ich will noch eine Geschichte schreiben.

Hier ist sie.

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High-Tech, 

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und die universelle Kostbarkeit Software wirken sich aus. Die Wertvorstellungen verlegen sich zunehmend ins Scheinbare und Stofflose. Das eigentliche Erzeugnis der Hochtechnologie ist praktische Philosophie. Lebensart. Praktische Lebensart.
Der Computer schluckt Ding um Ding – Telefone, Uhren, Fotoapparat, Staffelei, Musikinstrumente, Autos, Flugzeuge etc. Wir geben uns mit ihrem Anschein zufrieden, mit der Simulation. In Ihren Flüchtigkeiten übertrifft sie die guten alten echten Dinge, die wir noch kennen – nachfolgende Generationen wohl nur noch von Wikipedia. Mit einer Wii-Playstation, einem Cyberspace-Equipment, macht sich nicht nur eine Techno-Avantgarde daran, die Welt mit Außerirdischen zu bekämpfen. NEIN, es ist für die ganze Familie etwas dabei: mit Yoga, Fußball, Boxen oder Autorennen, ganz egal, auch mit LEGO Batman ist es gegeben, den Planeten zu retten. Oder zu zerstören.
Für Senioren sind Urlaube von Interesse, die im Leben verpasst wurden. Sie können nun sicher und sogar Ressourcen-schonend sehr real erlebt werden.
Neulich bin ich mit meiner Frau Diana nach Bad Birnbach gefahren. Kleiner Urlaub, kleines Auto. Es war Freitag morgen, und der Kaffee im Mc Drive machte mir deutlich, wie sich meine Auffassung von Luxus in den letzten Jahren verändert hat. Diesel-Kat statt Alfa Romeo Spider, das fleckige braun-grün von Niederbayern statt dem weißen Sandstrand der Malediven und Landstraßen langfahren, statt mit Jetlag irgendwo anzukommen. Bloß um festzustellen, dass man die gleichen Leute trifft.
Dem computergestützten Schwund steht eine moderne Form von Verzicht als aktive Lebenshaltung entgegen. Wie viele meiner Freunde habe auch ich angefangen, mit bestimmten Dingen aufzuhören.
Macht Laune.

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NATUR IST UNHEIMLICH GUT GEMACHT.
Wenn ich mit Diana am Wochenende einen großen Spaziergang mache – ich könnte durchaus auch einen kleinen Spaziergang machen (um mich in der Kunst des Verzichts zu üben) und dabei auf den Tegernsee blicke, verstehe ich, dass Tucholsky so treffend notiert hat:
Das Meer liegt da und sieht aus.
An der Seepromenade dann gleich ins Cafe, einen Espresso und ein Spagettieis bestellt. Ein Vater, der sich von zwei Kleinkindern tyrannisieren lässt, steuert auch den italienischen Eiskiosk an. Ich fand, dass es ihm an Distinguiertheit fehlt, was die Kinderterroristen instinktiv spürten. Und wir stimmten darin überein, dass nobel zu sein immer noch erstrebenswerter ist und demgemäß auch bei Menschen sine nobilitate, Snobs also, funktionieren müsste.
Zu den Pionieren des modernen Snobismus gehören, beispielsweise, die Hacker. Junge Männer, die oft nur ein paar Fahrradminuten voneinander entfernt wohnen und von ihren aufgerüsteten Macbooks aus Outdials knacken, um sich zu Plauderrunden in Großrechnern am anderen Ende der Welt zusammenzuschalten. Sie gehören einer Gilde an, wie einst die Tafelrunde um König Arthus.

Einer dieser ritterlichen Helden für mich ist Moritz, 24 Jahre jung. Außerhalb des Netzes kämpft er dafür, dass im Wandel von Digitalisierung und Bluray-HD-Formaten ein altes Kino nicht stirbt. Nobel, aber einsam. Wir unterstützen ihn moralisch dabei, weil wir es uns finanziell leisten können.
Wie edel im Gemüt wir sind, das wusste schon Shakespeare, hängt davon ab, wie satt oder wie sicher wir sind. Könnten wir dann nicht nach Höherem streben? Haben oder nicht haben heißt nicht mehr Sein oder Nichtsein! Man muss kein Mahatma Gandhi sein, um sich in einer Überflussgesellschaft im Verzicht zu üben. Verzicht erzeugt ein aktives Verständnis für Menschen, die nicht verzichten können, sondern müssen. Freiwilligkeit ist also eine soziale Form von Nichtstun. Politik für Faule. So erleben wir Zeitgeschehen hinter Glas abgeschirmt und gut verpackt.
Eine moderne Jeunesse dorée scheint im Wachsen begriffen, zu deren vornehmlichen Bestrebungen es gehört, die richtigen Dinge ausfindig zu machen, die man bleiben lassen kann. In den westlichen Industrienationen entsteht vielleicht eine neue Bedeutung von Nichts, die nicht Mangel meint, sondern Lebensqualität.

Ich selbst besitze einen kleinen ZEN Meister, inkarniert in Gestalt eines Bonsais. Er hat einen Platz auf dem Fensterbrett – das ist sein einziger Tribut an die Welt und er wächst vor sich hin.
Er überlässt es mir, für seine Form und Größe zu sorgen. Ich weiß, dass ich schon sein dritter Schüler bin. In dieser Tradition seines Bonsaimeisterlichen Lebens von 63 Jahren wird auch meine Frau unterrichtet.

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Der Bonsai ist pures Leben, in einer konzentrierten Form. Seine Äste streben nach Außen und die Wurzeln bleiben fest verankert in der Schale. Die Blätter, jetzt fest und grün, werden im Herbst gelb und braun, zeigen mir Gleichmut und Vergänglichkeit. Wir benötigen keinen Wald, um Natur zu begreifen. Ein Baum ist alles.
Der Bonsai hat mich bereits schon viel Gutes gelehrt, vielleicht kann er auch meiner Familie Frieden in der Welt lehren, dafür würde ich mich gerne erkenntlich zeigen. Aber es gibt nichts, das er möchte.

Das Leben in seiner Fülle ist undurchsichtig, lehrt er. Nur der Moment und die Zuwendung sind wahr. So kann ich ihm nur Wasser geben und liebevoll auf ihn blicken.
Manche Dinge, auf die ich blicke, machen mich traurig, liebe Planetarier, wenn ich die Schönheit in der Natur fühle. Der Baum ist da und lebt einfach. Keiner kann mehr.
Einzig allein der Gedanke, in einer Schale zu sitzen und mich ausschließlich von Wasser und Licht zu ernähren, hält mich davon ab, mein Leben völlig zu ändern und ein Bonsai zu werden.

So bleibe ich vorerst zurück im Durcheinander der Dinge, im Schwirren der Verhältnisse und versuche, mich ein Stück näher an die Weisheit heranzuverzichten.