Karl Kramer

Karl Kramer, Photograph

Karl Kramer, Photograph

Wo bist Du geboren?

In Nürnberg.

Wie bist Du aufgewachsen, wie war Deine Kindheit?

Ich bin in Nürnberg bei meiner Oma aufgewachsen und das war super, weil ich machen konnte, was ich wollte. Ich war Schlüsselkind und wenn ich aus der Schule nach Hause gekommen bin, konnte ich in den Park gehen oder in Gegend herumstreifen, die Natur entdecken und viel erleben.

Wann und wie bist Du zum Fotografieren gekommen?

Ich war zehn Jahre alt und auf der Spielwarenmesse in Nürnberg habe ich mich durch einen Seiteneingang reingeschlichen, bin einfach reingerannt und die Wächter haben gelacht. Da war ein Messestand mit einem großen, dicken Chinesen vor einem Berg von Schachteln. Auf einer Schachtel lag eine große, schwarze Kamera. Die hat richtig professionell ausgesehen, obwohl sie komplett aus Plastik war. Der Körper der Kamera und sogar die Linse waren aus Plastik hergestellt. Aber es war eine richtige Kamera mit einem Rollfilm darin. Das war die erste Kamera aus Plastik, die ich für fünf Mark im Schlussangebot gekauft habe. Diese Kamera aus Plastik für fünf Mark hat mich begeistert, das war Magie für mich. Dann bin ich sofort mit der Kamera am nächsten Tag in den Nürnberger Tiergarten gegangen und habe versucht, die Tiere zu fotografieren. An der Kamera konnte man nicht viel einstellen, ich wusste ja gar nicht, was ich da mache, ich habe einfach rumprobiert. Es ist mir dann tatsächlich gelungen, ein Foto zu machen, das richtig toll war. Das war ein Bild von zwei Eisbären, die kämpferisch aufeinander losgegangen sind und der eine hat dem anderen eine Ohrfeige gegeben. Genau diesen Moment habe ich mit meiner Kamera eingefangen. Ich habe den Film dann zum Entwickeln gegeben und die meisten Fotos waren alle ganz gut belichtet. Die Tipps von dem Chinesen haben mir auch geholfen, z.B. „Blende 8, wenn die Sonne lacht“. Das Eisbären-Foto ist also was geworden und damit ist meine Liebe zur Fotografie ausgebrochen. Dann habe ich auch vom Bertelsmann-Verlag ein Bücher-Abo geschenkt bekommen. Da gab es ein Buch über Fotografie. Und dieses Büchlein habe ich mir schicken lassen, da ist alles genau erklärt gewesen, mit Blende und Zeit usw. Das habe ich dann alles ausprobiert und so habe mir das selbst beigebracht.

War dann wirklich schon klar für Dich, dass Du das beruflich machen willst?

An einen Beruf habe ich damals gar nicht gedacht. Ich habe einfach, soweit ich mir das leisten konnte, immer weiter fotografiert. Nach den Eisbären kam dann mein Bruder dran, der dann Zuhause ein Ei gegessen hat mit Hammer und Schraubenzieher. Wir haben das Ei zertrümmert, um das zu fotografieren, haben also auch viel Blödsinn gemacht. Und so hat sich das immer weiter entwickelt, das war mein Hobby.

Ist es richtig, wenn ich daraus schließe, dass Du keine Ausbildung gemacht hast oder ein Studium im Bereich der Fotografie, sondern Dir das selbst beigebracht hast?

Mehr oder weniger, weil ich aus anderen Lebenserfahrungen gelernt habe. Ich wurde nur ein paar Jahre später von einem Kunsterzieher der Schule, an der mein Onkel Hausmeister war, gemalt. Der hat mich porträtiert und hat Jesusbilder gemalt. Meine Bezahlung war, dass er mir Zeichenunterricht gegeben hat. Ich habe den Goldenen Schnitt gelernt und solche Dinge, musste kleine Männchen malen und habe Bildaufteilung gelernt.

Hast Du Deine Fotos auch selber entwickelt?

Das habe ich am Anfang mit den schwarz-weiß-Bildern gemacht. Der Prozess und die Panscherei mit den Chemikalien, war mir eigentlich immer zu aufwendig. Ich habe mich dann eher auf den Prozess des Bild-Machens konzentriert.

Wie hast Du den Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie erlebt, wie war das für Dich?

Das war eine große Befreiung für mich. Es hat schon früh angefangen, 1984 mit meinem ersten Macintosh-Computer, den ich mir gekauft habe. Seitdem habe ich immer versucht, jedes neue Gerät in Richtung Bildbearbeitung zu trimmen. Das hat eigentlich nie geklappt, bis zum G5-Prozessor. Dann ging das los und mit dem Umstieg auf die Intel-Prozessoren war das dann eine perfekte Maschine, um Bilder zu bearbeiten. Gleichzeitig kam von Nikon die erste Digitalkamera heraus, die ein Vermögen gekostet hat und höchstens 6 Millionen Bildpunkte hatte. Ich habe mir gleich eine digitale Kamera gekauft und die Ergebnisse im Vergleich zu Film waren damals noch nicht besonders gut. Als später Canon plötzlich eine 14 Millionen-Pixel-Kamera herausgebracht hat, ging es plötzlich, weil das die Auflösung war, die man gebraucht hat, um eine A4-Magazin-Seite oder Katalogseite zu füllen. Dann mussten alle umsteigen, für mich war das eine Freude.

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Du hast auch viel Mode und Beauty-Fotografie gemacht….?

Ich habe angefangen, Models zu fotografieren, damit die Material haben, um sich zu präsentieren, für Bücher oder Sedcards. Und das war immer Richtung Beauty.

Wie ist die Produktion von einem Mode-Shooting?

Die Vorbereitung ist das Wichtigste, dass Du Dir überlegst: was mache ich, wo und mit wem? Hier brauchst Du ein Team, anders als bei der Portraitfotografie. Mode-, Katalog- oder Beautyproduktionen haben einen hohen Anspruch. Da wird jedes Pickelchen wegretuschiert und es wird viel im Vorfeld gemacht. Man kann jetzt am Computer viel ausbügeln. Damals waren auch Live-Retuscheure am Werk, die haben die Haut so gut vorbereitet, dass sie auf dem Foto gut aussah.

Wie ist die Arbeit mit Models und das Handling mit ihnen in einem Shooting?

Im Endeffekt genauso wie mit jedem anderen Menschen. Es ist aber einfacher, da sie wissen, was sie tun: wie sie sich vor die Kamera hinstellen, dass das „gut ausschaut“. Ich meine hier nicht posen. Wenn der Mensch, den Du fotografierst, schon ein Bewusstsein für das Bild mitbringt, was dann entsteht, dann ist es viel einfacher als wenn Du mit Leuten Fotos machst, die das Foto brauchen, z.B. für ein Interview. Viele haben auch ein bisschen Angst vor der Kamera, weil sie denken, sie schauen blöd aus. Das ist mit Models einfacher.

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Du hast selbst auch gemodelt…?

Das habe ich in einer frühen Zeit durch Zufall angefangen. Da war in New York, wo ich ein paar Jobs gemacht hatte wie Wände streichen, Babysitten oder in der Küche gearbeitet. Und einer meiner Jobs war dann eben, einen Pullover anzuziehen und 50 Dollar in der Stunde zu verdienen, das war ziemlich cool. So hat sich das entwickelt.

Wie lange hast Du gemodelt?

Das waren 12 Jahre. Ich war schon hartnäckig, weil sich das als richtige Karriere entwickelt hat. Es ist ein hartes Business, man muss sich – ohne Garantie – in allen Märkten präsentieren. Du gehst hin, mietest Dir ein Zimmerchen und musst Klinken putzen, jeden Tag auf Castings rennen, und das mit hunderten von anderen Leuten. Das war auch früher nicht anders. Viele denken, dass das ein cooler Job ist. Aber wenn da 300 Leute antanzen und es wird nur einer, da muss man hartnäckig sein, sonst geht das nicht.

Siehst Du Dich selbst als Fotograf oder als Fotokünstler?

Naja, nach Definition eher als Fotokünstler. Denn „Fotograf“ war ja eine Weile ein geschützter Beruf, für den man eine Lehre machen musste. Das waren dann die Leute, die die Fotogeschäfte geführt haben, die hatten meist auch Studios und haben Passbilder gemacht. Ich musste mich am Anfang „Fotodesigner“ nennen. Inzwischen hat sich das alles aufgelöst. Ich habe zu dem Begriff „Fotograf“ keine ehrfürchtige Einstellung. Und „Künstler“ ist schon wieder etwas sehr Hochtrabendes. Im Endeffekt bin ich aber „Künstler“.

Das Besondere an Deinen Fotos ist, dass Du die Schönheit des Einzelnen sichtbar machst.

Das ist sehr schön gesagt, darum bemühe ich mich.

Was ist das Geheimnis daran?

Da gibt es nicht viele Geheimnisse, man muss es einfangen und nur draufdrücken, wenn der Mensch schön ist. Jeder Mensch ist schön, das ist meine Überzeugung. Ich kann jeden so fotografieren, dass er toll ausschaut. Es gibt einen bestimmten Weg dahin, dass er toll ausschaut, weil es ja immer mit dem Menschen zu tun hat, wie er drauf ist, wie er sich fühlt und sich öffnen kann.

Das bedeutet aber, dass Du Menschen öffnen kannst?

Ja, sonst könnte ich sie nicht schön fotografieren. Manche öffnen sich von selber, da ist es ganz leicht und ist für jeden sichtbar. Bei anderen muss man darauf hinarbeiten.

Du bezeichnest Dich selbst als „Pictureman“…?

Der Begriff „Pictureman“ wurde von einem kleinen schwarzen Jungen geprägt, der mir in Miami, als ich, mit Fototaschen bepackt über die Collins Avenue lief, mitten auf der Straße entgegen kam und zu seinem Vater sagte „oh, Papa, Pictureman, Pictureman“.

Kannst Du sagen, wieviele Menschen Du schon vor Deiner Kamera hattest?

Das kann ich nicht genau. Hunderte sicherlich.

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Wenn Du zurückblickst: was würdest Du heute anders machen?

Da muss ich überlegen… vielleicht manchmal nicht so bockig sein oder ich hätte besser zuhören können, wenn mir jemand ein Layout erklärt. Oder ein Kunde seine Wünsche äußert. Besser zuhören und mir zuvor anschauen, was er wirklich will, was so ein Katalog wirklich braucht. Da habe ich schon oft, nur meinem Kopf und Willen folgend, ganz viele Kunden verprellt. Die haben oft was ganz anderes gewollt als ich ihnen dann geliefert habe. Mein erster Job war für ein großes Versandhaus, das zu Otto gehört hat, die waren ganz offen und ich durfte machen, was ich wollte. Ich hatte das Layout überhaupt nicht verstanden und hatte mir zuvor auch keine Katalogseiten angeschaut, weil es mich nicht interessiert hatte. Ich hatte aber jedes Foto so fotografiert wie ein Cover, wie ein Starfoto. Und wenn Du all diese Bilder zusammenfügst, hast Du eben keine gute Doppelseite im Katalog. Das würde ich heute auf jeden Fall anders machen, dann hätte ich noch diese Kunden.

Gibt es ein besonderes Shooting, an das Du immer noch gerne denkst?

Da gibt es einige. Ich habe selber tolle Shootings gemacht, an die ich mich gerne erinnere. Und als Model habe ich so tolle Sachen erlebt, ich habe wirklich großes Glück gehabt, mit begnadeten Filmemachern und Fotografen zusammenarbeiten zu dürfen. Das Geilste war für Lois Jeans in Kenia, wo ich mit den Massais gedreht habe, das war sensationell.

Das Gute ist: Du kennst beide Seiten, vor und hinter der Kamera. Hilft Dir das?

Das hat mir sehr geholfen, aber es hat mir auch manchmal Probleme mit den Kunden gebracht, weil mir immer die Models am Wichtigsten waren. Mir waren immer die Leute vor meiner Kamera wichtiger als die Leute mit ihrem Konzept für einen Katalog. Das sind die zwei Seiten.

Was ist das letzte Buch, das Du gelesen hast?

Da kann ich mich nicht dran erinnern, da ich fast nur noch digital unterwegs bin, mir News anschaue. Die Bücher sind immer die Gleichen: ich lese buddhistische und philosophische Bücher, da schaue ich immer wieder mal rein und lese es immer wieder. Für aktuelle Bücher nehme ich mir nicht die Zeit. Wenn man ein Buch liest, ist man eine Woche beschäftigt. Wenn ich damit anfange, dann lese ich drei bis vier Stunden am Stück. Diese Zeit nehme ich mir fast nie.

Was für Musik hörst Du zur Zeit?

Immer dieselbe: ich habe in meinem Studio gerne kolumbianische Musik laufen, damit stimme ich mich auf die Shootings ein. Das kann dann auch laufen, wenn die Kunden da sind. Es ist eine Musik aus den 30er Jahren, Boleros, die wunderbar dahinfließen. Keiner hat eine Erinnerung an diese Musik oder kennt sie, wenn dann nur aus einem alten Film. Sie ist nicht definiert wie Rock ´n Roll oder Klassik. Ich will nicht, dass die Leute Erinnerungen vor meiner Kamera haben. Ich will, dass sie da sind. Darum höre ich mir ununterbrochen diese Boleros an und liebe sie, weil die Leute damit in einem guten Zustand sind.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Essen und Trinken natürlich. Und jeden Tag aufstehen und Fotos machen.

 

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Jörg Preuss im Interview mit Karl Kramer,
Photograph, München, 14. Oktober 2018

 Nike Seifert

Nike Seifert, Cellistin, Vergolderin, Painter

Nike Seifert, Cellistin, Vergolderin, Painter

Wo bist Du geboren?

In Hannover.

Wie bist Du aufgewachsen?

Als Einzelkind in einem kunstsinnigen Haushalt in Köln, Düsseldorf und dann wieder in Köln – und dort auch geblieben.

Das heißt, Du bist schon früh künstlerisch gefördert oder an Kunst herangeführt worden?

Ja, auf jeden Fall. Das Haus meiner Eltern war voll mit Büchern und Bildern. Ich bin auch schon als kleines Mädchen immer mit in Ausstellungen und Galerien gegangen oder habe Konzerte mit besucht.

Welche Rolle spielt für Dich klassische Musik?

Eine große Rolle, weil ich selbst Cello gelernt und intensiv gespielt habe. Zuhause höre ich nicht unbedingt so viel Klassik, aber es ist ein großer Teil, der mich jahrelang begleitet hat. Ich erinnere mich auch immer noch an die Stücke, die noch in meinem Kopf sind.

In Deiner Jugend hast Du Cello im rheinischen Jugend-Sinfonie-Orchester gespielt: wie war das für Dich damals?

Das war eine ganz tolle Zeit, wir haben viel geprobt. Ich hatte ganz nette Musiker-Kollegen, wir waren ja alle noch so jung. Ich war dabei von 14 bis 19. Die Orchesterreisen und das Lampenfieber vor den Aufführungen und auch die Einzelproben: das war toll, ja.

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Was bedeutet Musik für Dich heute?

Sie spielt nach wie vor eine große Rolle. Ich musiziere auch wieder mit dem Cello. Neuerdings nehme ich auch Schlagzeug-Unterricht. Beim Arbeiten höre ich zwar keine Musik, aber immer im Auto oder beim Aufräumen oder so – ohne Musik geht es nicht. Das ist für mich auch eine Kunstform, die dazugehört.

Was hat dich bewogen, Jura zu studieren?

Das war eigentlich eine Vernunftsentscheidung. Meine Eltern kamen mit der Idee, Cello zu studieren, nicht so gut zurecht. Dann wusste ich ehrlich gesagt nicht, was ich machen soll. In einem Juristenhaushalt lag das dann nahe… „ wo ist sie gut? In Deutsch und Latein. Ok, dann Jura.“ Das hatte mir auch anfangs Spaß gemacht beziehungsweise fiel es mir zu, ich musste mich nicht so anstrengen. Als ich dann aber fertig war, alle Scheine hatte und das Repetitorium anstand, da habe ich dann gemerkt: das will ich auf gar keinen Fall machen, das ist mir alles viel zu trocken und viel zu langweilig. Deswegen habe ich kurz vor dem Examen „Nee“ gesagt und wusste dann, dass ich was mit den Händen machen muss. Es hätte alles Mögliche sein können und so bin ich per Zufall in der Vergolder-Lehre gelandet.

Danach hast Du dann also gleich die Vergolder-Lehre in Köln und Düsseldorf gemacht…?

Ja, erst in Köln, in einer Rahmen-Werkstatt. Dann, weil ich die Lehre bei diesem Meister nicht verkürzen konnte, bin ich dann nach Düsseldorf gewechselt und habe dort bei der Handwerkskammer meine Gesellenprüfung gemacht und noch ein Jahr bei meinem damaligen Meister gearbeitet. Von Köln aus bin ich dann immer morgens mit Bus und Bahn nach Düsseldorf gefahren.

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Gold ist ja ein faszinierendes Material…

Ja! Ich habe es nicht so mit Schmuck. Die Vergolderei hat ja auch mit „Juwelier“ und „Schmuck“ gar nichts zu tun. Ich finde Blattgold so spannend. Wenn man sich vorstellt, wie das hergestellt wird, das wird ja hundert Mal geschlagen, nochmal und nochmal bis es so hauchdünn ist, dass es fast nicht mehr da ist. Und dann, was alle so an Gold fasziniert, ist dieser eigene Glanz. Nichts Anderes glänzt ja so wie Gold. Man sagt ja auch „es ist nicht alles Gold, was glänzt“. Das hat so eine besondere Ausstrahlung.

Dennoch gibt natürlich die Mischung des Metalls dem Gold einen anderen Glanz oder ein anderes Antlitz…

Wenn bei Legierungen Zinn oder Messing mit reinkommt, ja. Das reine Gold, 24 Karat, ist natürlich unschlagbar. Es gibt aber auch da noch Doppel-Gold. Aber dieses einfache, 24 Karat, das ist der einfache, originäre goldene Glanz, den man so kennt.

Und dann kam die Farbe in Dein Leben!

Die kam eigentlich auf Umwegen: über Rahmenaufträge für Hoteliers, für die ich große Modellrahmen für ihr Privathaus gebaut und vergoldet habe. Mein jüngster Sohn war damals erst 2 Jahre alt und so konnte ich die fertigen Aufträge nur abends ausliefern. Wir saßen dann immer nett zusammen und so ergab es sich, dass meine Auftraggeber, die gerade im Begriff waren ihr Hotel zu renovieren, mich baten, die Bilderauswahl für die Hotelzimmer zu übernehmen. Die Renovierung war in den letzten Zügen und so blieb mir nur noch eine Woche Zeit, bis die ersten Gäste erwartet wurden. Tatsächlich fiel mir nichts Besseres ein, als meine farblichen Ideen für die Zimmer selber in abstrakten Bildern umzusetzen. So entstanden meine ersten fünf eigenen Werke. Diese habe ich dann abfotografiert und in einer Reproanstalt davon mehrere Dutzend Kunstdrucke produzieren lassen. Die hängen jetzt dort im Hotel. Das kam gut an, bereitete mir selbst viel Freude und so dachte ich: Das mache ich jetzt weiter! Das war wirklich eine Initialzündung – ich hätte es vorher schon mal versuchen sollen, aber auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. 

Wie erlebst du Farbe?

Das ist für mich eine sinnliche Erfahrung. Ich kann zwei Stunden vor meinem Pigmentregal stehen und einfach gucken… Ich bin ein visueller Typ und das sauge ich so auf.

Ich erlebe Deine Bilder so, dass es mich beeindruckt, dass sie in einer Farbe so sicher und dominant in der Darstellung sind und da wenig Raum für Farbspiel ist, obwohl ich schon auch Strukturen darin sehen kann.

Viele Bilder sind tatsächlich monochrom. Wenn ein Bild rot ist, dann ist das nicht nur ein Rot. Ich habe ja dann zehn verschiedene Rottöne, die ich dann auch verwende. Warum die so präsent sind, das hat glaube ich wirklich mit den reinen Pigmenten zu tun, die mit dem Licht spielen. Wenn man auf den ersten Blick denkt „das ist nur eine rote Fläche“, stimmt das ja gar nicht. Diese ganzen verschiedenen Rottöne, die da auch mit drin sind, die sieht man dann aber halt erst je nachdem, wie Streiflicht oder künstliches Licht drauffällt. Geht die Sonne auf oder unter, oder ist der Himmel bedeckt? Jedes Mal erscheinen einem die Bilder dann anders. Manchmal kommen auf einmal Schwarzanteile zum Vorschein, die man vorher nicht gesehen hat. Dann kann man natürlich auch innerhalb der roten Fläche Dinge erkennen.

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Wie ist dein Arbeitsprozess, wenn du malst?

Ich fange irgendwie mit irgendwas an. Um reinzukommen, räume ich mir den Tisch ein bisschen frei oder fange an, meine Grundierungen zu machen oder Farben zu mischen und dann lasse ich mich treiben. Ich kann gar nicht sagen, „heute kommt Grün, jetzt mache ich das oder jetzt nehme ich den Pinsel oder das Mal-Messer“. Das ist intuitiv und spontan und ergibt sich von alleine. Ich kann vorher gar nicht sagen, wozu ich jetzt greifen würde.

Du verwendest auch Mineralien, Edelmetalle, Essenzen (z.B. Öle und eigene Mixturen), die Du dann einarbeitest…

Ja, ich mache mir meine Farben selber: ich habe die Pigmente, die ich mit unterschiedlichen Stoffen binde. Das können verschiedene Öle, Lacke und Leime sein. Die Essenzen kenne ich aus meinem erlernten Handwerk. Ich kenne natürlich auch die chemischen Reaktionen: ich weiß, welches Pigment sich wie verbindet. Eben deswegen mag ich das so sehr mit den Pigmenten. Das macht mir  Spaß und deswegen mische ich das dann lieber mit einem Balsam-Öl oder mit einem tierischen Leim als  mit einem Acryl-Binder.

Der Betrachter Deiner Bilder wird von einem dominanten Farbthema angesprochen und in den Bann gezogen. Deine Bilder haben eine fesselnde Energie und dem Betrachter werden trotzdem Strukturen offeriert.

Ja. Das hängt ein bisschen mit der eigenen Phantasie des Betrachters zusammen. Manche sagen einfach nur „schön“ und sind irgendwie angezogen davon. Viele können auch meine Titel sofort nachvollziehen, obwohl es Zufälle sind, die da passieren. Aber manchmal lässt sich tatsächlich Gegenständliches erkennen, was von mir nicht beabsichtigt ist. Aber es ergibt sich manchmal so und ich sage immer gerne: die Leute, die Wolken zusehen können, also den am Himmel vorbeifliegenden Elefanten sehen können, die sehen auch bei meinen Bildern diese Dinge. Meine Titel sagen das aus, was es für mich ist. Jeder kann ja sagen „das ist einfach nur rot“, aber wenn ich dann den Skarabäus beschreibe, dann gehen manche mit. Der Andere sieht wieder etwas ganz Anderes, aber das ist ja das Schöne: es kann ja jeder machen und sehen, was er will.

Was ist das Geheimnis Deiner Kunst?

Ich weiß nicht, ob es da ein Geheimnis gibt. Es ist tatsächlich so: wenn ein Bild fertig ist, dann ist das ein Stück von mir, das ich abgebe. Wie eine Geschichte, die ich dann zu Ende erzählt habe. Vielleicht spüren das die Leute, dass es etwas ist, das mit Herzblut aus meinem Inneren herausgelassen worden ist. Und da ist es dann. Vielleicht ist die Ausstrahlung so, dass die Leute das gut finden.

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Es gibt es Buch von Dir, „Chromatic Fragments“…

Das ist ein Katalog mit Texten, was mich bewegt und inspiriert, 2015 im Nicolai-Verlag erschienen. Jetzt wird es aber auch Zeit für was Neues.

Was inspiriert Dich?

Alles eigentlich. Ich werde oft gefragt „woher nimmst Du die Inspiration“ oder „geh´ doch mal dahin zur Inspiration“ – dann sage ich „bitte nicht“. Ich suche eher den Ausschalter. Musik inspiriert mich natürlich, aber nicht während des Malens. Visuell inspiriert mich ganz viel: Matschspuren auf dem Weg oder Gänseblümchen. Alles Mögliche, aber auch Begegnungen mit Menschen oder ein Austausch, Gespräche oder auch Nachrichten: Mittelbar eigentlich alles. Ich bin eindimensional: wenn ich Radio höre, kann ich nicht gleichzeitig auch noch etwas Anderes machen. Es ist dann einfach zu viel, dann will ich wirklich nichts sehen. Dann kommt es nur raus, und es darf nichts Anderes mehr reinkommen.

Woraus schöpfst Du Deine Kraft?

Das werde ich ganz oft gefragt, „wie hält die das aus?“ – alleine wegen meines Alltags, aber auch da kann ich sagen: aus Allem, irgendwie. Ich mache auch immer sehr viel Sport. Mein Arzt sagt dann auch manchmal, dass ich doch auch mal regenerieren muss. Ich muss mich aber körperlich verausgaben oder aufs Schlagzeug einprügeln, muss in einer ausgeglichenen Gemütsverfassung sein, sonst kann ich nicht malen. Zum Glück gibt es da ganz viel, wo ich die Energie oder die Ruhe herbekomme. Energie habe ich, wenn Ruhe in meinem Kopf ist. Das bekomme ich durch körperliche Sachen: ich kann auch einen Garten umgraben, das geht auch. Eigentlich also durchs Tun und nicht durch eine Stunde schlafen. Ich muss mich irgendwie abarbeiten, und dann, es klingt widersprüchlich, dann kommt die Energie in mich.

Was ist Dein letztes Buch, das du gelesen hast?

Eine kleine Novelle von Ramona Raabe, einer ganz jungen Autorin, die gerade ihr Debut damit hat. Es heißt „Das pathologische Leiden der Bella Jolie“.

Deine Lieblingsmusik zur Zeit?

Im Moment höre ich ganz gerne Prokofjew, klassisch. Und sonst ist bei mir Dauerbrenner Billy Idol. Meine ganze Familie ist entsetzt, die finden das schrecklich – aber ich finde den total gut.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Für mein Leben, für mich, brauche ich all das, was ich so um mich versammelt habe: meinen Mann, meine Kinder, die Tiere. Ich brauche auf jeden Fall die Kunst, ich brauche auch die Musik. Und dann so das Übliche, was man so zum Erhalten des Körperlichen benötigt: Essen, Trinken und Schlafen natürlich. Auch viel meine Freunde und sozialen Kontakte.

 

Jörg Preuss im Interview mit Nike Seifert,
Künstlerin, Köln, 18. Juni 2018

 

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 Piroska Szönye

Zuhause bei Piroska Szönye

Zuhause bei Piroska Szönye

 

Wo bist Du geboren?

In Chur.

Wie bist Du aufgewachsen?

Ich habe noch vier Schwestern, das macht es kompliziert. Ich war als Kind viel krank und oft im Spital. Und an meine Kindheit mag ich mich nicht groß erinnern. Kindheitserinnerungen mit Spielen oder meinen Schwestern habe ich eigentlich nicht viel. Das Spielerische einer unbeschwerten Kindheit kenne ich nicht. Ich bin mit „darf ich nicht“, „kann ich nicht“, „sollte ich nicht“ und „geht nicht“ aufgewachsen. Heute ist meine Wahrnehmung anders. Dadurch, dass ich vieles nicht konnte, habe ich einen anderen Zugang. Ich denke mir auch, dass ich dadurch früh angefangen habe, zu malen oder Texte zu schreiben.

Was hat in frühen Jahren in Deinem Leben Dein Interesse geweckt?

Ich glaube, dass ich schon mit einem Bleistift geboren wurde… Es war schon von Anfang an klar, dass ich kein normales Kind sein werde.

Ist das die Erklärung, wie Du ursprünglich zur Innenarchitektur gekommen bist?

Nein, ich wollte nie Innenarchitektin werden. Eigentlich wollte ich schon sehr früh Bildhauerin werden und mein Papa hat gesagt „ein Mädchen macht das nicht“. Und so musste ich einen anderen Weg einschlagen und wollte Grafikerin werden und das hatten wir hier in Graubünden nicht. Dann habe ich gesagt „was mache ich dann? Hauptsache ist, einen Bleistift in der Hand zu haben.“ Und dann bin ich auf die Innenarchitektur gekommen und habe eine Lehrstelle gefunden, die ging dann vier Jahre. Das mit dem Bleistift in der Hand war wirklich witzig: entweder Schreiben oder Zeichnen, das habe ich schon ziemlich früh gemacht. Ich habe auch immer gesagt „Farben lügen“. Meine Augen sehen ja etwas, aber wenn ich sage „das Rot“, dann ist Dein Rot ein anderes Rot als meines, weil Du andere Farben hast. Ich bin also da schon nicht ganz einfach gewesen, weil ich sehr differenziert dann nur Bleistiftzeichnungen gemacht habe.

Es ist ein besonderes Talent von Dir, Menschen Farben entdecken zu lassen und auch Formen erleben zu lassen…

Das, was ich da hineingebe, ist für mich das Eine. Das Andere ist: ich bekomme so viel zurück, wenn ich es einfach offenlasse. Die Leute schauen meine Bilder an und ich bekomme unheimlich viel mehr zurück. Nicht indem ich sage, was ich gemacht habe, sondern indem ich die Leute frage: „was siehst Du darin, was bewegt Dich?“ Das ist die Emotion, die ich in mein Bild reingebe. Wenn der Betrachter berührt ist, muss seine Seelenfrequenz ähnlich sein wie meine. Es ist wie „Spiegelbilder kennen sich“ oder wie sich Menschen sympathisch finden auf der Herzebene. Ich finde es bei Vernissagen schön, wenn Leute meine Kunst sehen und ich beobachten kann, was da vorgeht – egal, wer ich bin. Ich sage immer auch „schließt die Augen, dann seht ihr die Bilder besser“.

Drückt sich das auch in Deiner Kunst aus?

Ich denke, dass meine Kunst wie eine Meisterleistung ist, noch weiter zu gehen von Berühren oder Berühren lassen. Das Wort Interesse hat ja auch mit der Erklärung zu tun, dass „Inter“ in etwas reingeht, und „Interesse haben“ bedeutet für mich: wenn eine Bewegung stattfindet, wenn ich etwas bewege, habe ich ja schon bei dem Menschen einen Punkt erzielt, wo etwas bewegt ist oder wurde. Es gibt ja den Satz „die Künstler sind der Sand im Getriebe der Gesellschaft“. Meine Aufgabe ist es nicht, etwas für die Gesellschaft zu machen, sondern mich bewegt das Herz, das Leben, der Mensch.

Was ist Kunst für Dich?

Meine Berufung.

Ist es richtig, dass Deine Kunst teilweise medial inspiriert aus Dir hervorgeht?

Es klingt eingebildet, wenn ich sage, dass ich Informationen bekomme. Ich denke, es ist etwas Göttliches. Ich sehe es als Geschenk, dass ich etwas kann, was mir von Höherem gegeben worden ist und ich sehe mich als Getriebene, es tun zu müssen, weil es sich einfach selbst tut. Es ist wie „ohne Kunst kann ich nicht“. Die Kunst ist eigentlich immer da und treibt mich immer weiter. Es ist wie „Du musst atmen, sonst lebst Du nicht“. Für mich ist die Kunst, dass ich Bilder und Lösungen sehe… Wenn man von Geniehaftigkeit und wahrer Kunst redet, ist es wirklich das Getriebensein, es tun zu müssen, weil es sonst niemand tut. 

 

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Deine künstlerische Arbeit zeigt sich vielfältig, in Form von Zeichnungen, gemalten Bildern in Öl und Acryl, in Fotografien, Installationen, Skulpturen und auch in Produkten. Wie schaffst Du es, so vielfältig zu sein?

Weil ich mich nicht schubladisieren lassen möchte. Das wollen die meisten Menschen, so unter dem Motto „mach mal nur eins“. Meine Ideen kommen aus dem Einen heraus. Das Leben und die Menschen sind so vielfältig und wenn Du darauf blickst, dass Picasso auch Porzellan und Skulpturen gemacht hat, zeigt es, dass die meisten Künstler früher – und auch die Großen – angefangen haben und von der Kunst nicht leben konnten. Dann kommt ein Auftrag oder ein Thema und man denkt über Lösungen nach, die sich vielfältig zeigen können.

Welches Deiner Projekte hat Dich selbst persönlich am meisten verändert?

Die Friedensprojekte, weil ich da wirklich supercoole, fantastische Begegnungen mit Leuten aus Politik, Wirtschaft und Kultur hatte, die dann merken, dass die Kunst ein Sprachrohr dafür ist, Gutes zu tun. Ich war als Sprachrohr bei der Unesco, um zu erklären, warum es wichtig ist, dass man den Künstlern einen Lebensraum geben soll. Was aber heutzutage 100% schwieriger ist, weil Künstler vor dieselben Anforderungen gesetzt werden wie z.B. Steuererklärungen ausfüllen und zu bezahlen und Mieten zu bezahlen. Früher war das anders: da hast Du einen Künstler genial gefunden und hast gesagt „hör zu, ich nehme jedes Jahr vier Bilder von Dir, dafür kannst Du gratis wohnen.“ Somit war die Kulturförderung natürlicher eingesetzt worden. Hier ist es eher so, dass du lästig bist als Künstler, weil im Schnellverfahren wirtschaftlich nicht viel erbracht wird. Wenn man sich vorstellt, es gäbe keine Ausstellungen oder Konzerte mehr, die man besuchen kann, oder keine Zeitung mehr, die man lesen kann…

Das alles ist Kultur. Wenn man sich vorstellt, das gäbe es nicht mehr, dann blieben nur Zahlen, Daten und Fakten. Im besten Fall arbeitet man dann nur noch vom Computer Zuhause aus, hat keine Berührungspunkte mehr und auch keinen Schönheitsfaktor von guter Musik… Menschen treffen muss man dann auch nicht mehr, weil nur noch Leistung gefragt ist.  Wo bleibt dabei das Menschliche?

Was ist das nächste Projekt, an dem Du arbeitest?

Für die Schweizer habe ich die Heidi, als kleine Provokation gedacht: ist Heide heute erwachsen? Das ist für die Schweiz ein Thema, wo die Leute aufhorchen, weil es Heidi nur bis 12 gibt. Die Geschichte war ja nicht, dass es die Person wirklich einmal gab. Also habe ich eine Kunstfigur entwickelt. Ich finde die Fragestellung spannend:  was hätte Heidi gemacht, wenn es sie gegeben hätte, „Heidi heute“? Das in der Schweiz als Frau zu machen, ein Buch herauszugeben und Heidi als Kunstfigur selber zu sein – das ist ein Mammutprojekt. Es gibt 4.444 Bücher, die zu 50% Handarbeit sind. Das ist mein Designprojekt. Dann gibt es noch ein philosophisches Projekt, eine Installation in St. Moritz.

Was ist denn für Dich persönlich Erfolg?

Persönlich ist Erfolg, wenn man sich als Unternehmer eine gute Basis schaffen kann und arbeiten kann – das ist für mich Erfolg.

Was inspiriert Dich?

Das Leben, die Leute, die Menschen. Und die ganz kleinen Dinge, und wenn es nur ein Steinchen am Meer ist, das zu mir spricht.

 

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Woraus schöpfst Du Deine Kraft?

Das frage ich mich zwischendurch auch. Ich frage mich, wie die Energie kommt. Es ist wirklich so: wenn ich eine Idee habe, kann ich sie morgen schon tun. Die Arbeit dazwischen, es zu organisieren, ist für mich eher noch lästig, weil es von heute auf morgen schon da sein und gemacht sein müsste. Und da ja niemand so viel machen will, bin ich auch die, die es dann macht. Ich glaube, das ist das Getriebensein. Ich bekomme die Kraft, weil die Distanz zwischen meiner Idee bis zur Realisation mich so ungeduldig macht. Ich habe schon gelernt, Leute mit ins Boot zu nehmen, um mir helfen zu lassen. Ich müsste eigentlich eine Firma mit drei Angestellten haben, denn ich bin drei Leute: ich bin die Heidi, ich bin Design und ich bin Kunst.

Wenn Du einen Film drehen würdest, wovon würde er handeln und wer würde mitspielen?

Da habe ich schon eine Idee dazu: ich würde einen Film drehen über Alberto Giacometti, mit der großen Fragestellung: warum hat der kein eigenes Museum in der Hauptstadt? Es müsste die Sensation sein, dass die Hauptstadt nur das Museum von Giacometti hätte.

Welche Musik hörst Du?

Orna Ralston, die ist genial. Sie ist eine Freundin von mir. Ich liebe Leute, die selber Musik machen, Musiker, die das aus sich herausholen. Ich höre auch viel klassische Musik.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Die superbesten Freunde: ich habe viele Freunde, die ich über zig Jahre habe. Ich pflege Freundschaften nicht in Kürze, sondern um in der Länge füreinander da zu sein. Das ist für mich unverzichtbar. Ich möchte Leuten vertrauen können und auf sie zählen können. Ich liebe gutes Essen und Länder, die mir Geschichten erzählen: zum Beispiel Irland und Island. Dort kommen mir Bilder, Lieder und ganz spannende Farbgeschichten.

 

Jörg Preuss im Interview mit Piroska Szönye,
Künstlerin, Schweizer Kunstfigur Heidi
www.piroskakunst.ch
Chur, 11. September 2016

 

 

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 Sabine Karner

Sabine Karner, Modedesignerin

Sabine Karner, Modedesignerin

 

Wo bist Du geboren?

Ich bin in Graz geboren.

Wie bist Du aufgewachsen?

Ich bin groß geworden, der Körper hat sich ausgedehnt, die Zellen sind gewachsen.

Du hast als Kind schon früh angefangen, Kleider für Barbie-Puppen zu nähen und als Jugendliche sogar, Kleidung für Freundinnen zu nähen.
Wie haben Deine Eltern das wahrgenommen?

Positiv. Ich denke, für meine Eltern war das vielleicht am Anfang eine Spielerei. Meine Eltern haben mich da immer unterstützt auf dem Weg, den ich einschlagen wollte.

Bedeutet das, dass Dir als Kind schon klar war, dass Du Modedesign machen möchtest?

Nein. Als Kind ist einem das sicher nicht klar. Schon als ich mein Psychologie-Studium begonnen habe, war ganz deutlich, dass ich das nicht fertig studieren möchte. Und dann merkte ich, dass ich mich intensiv mit dem beschäftigen möchte, was ich sowieso schon gerne mache, eben mit der Mode und dazu kam der Wunsch, das entsprechende Handwerk zu erlernen. Eigentlich war es erst dann klar, dass es die Richtung sein wird.

Du bist dann in die Meisterklasse für Mode in Graz gekommen, hast da begonnen…

Ja, dort habe ich begonnen und von dort aus dann gleich nach Wien gegangen, in die Modeschule Hetzendorf.  Da habe ich dann meine Ausbildung abgeschlossen.

Wie war die Zeit auf der Modeschule, wie hast Du das in Erinnerung?

Es war eine sehr coole Zeit. Das ist wie ein Bachelor-Studium aufgebaut, d.h. man hat regelmäßigen Schulbetrieb, das ist schon mal sehr positiv. Weil man sich dann einfach intensiv mit dem Thema auseinander setzen kann, man ist ja eben ständig dort, ähnlich wie in einem fixen Stundenplan. Ich hatte sehr gute und sehr offene Lehrer. Das war für mich die richtige Wahl.

Was ist Mode?

Für mich ist Mode etwas, das man sich anziehen kann.

Deine Inspiration schöpfst Du aus der Schönheit und Sinnlichkeit der Frau, ihren Träumen und ihren Wünschen.

Ja, das ist richtig. Ich bin keine Künstlerin, sondern ich designe ein Produkt, deswegen steht der Kunde im Vordergrund. Die Frau, mit dem was sie mir kommuniziert, was sie gerne haben möchte, auch was Frauen nicht haben möchten… es kommt ja eher vor, dass Frauen sagen, was sie nicht haben möchten. Das wird natürlich mit eingebunden in meinen Gedanken oder Konzeptionen.

Ist es dann so zu verstehen, dass Du das Mysterium Frau entschlüsselst und gut verstehst?

Super Frage an eine Frau. Ja, doch.

 

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Dein Erfolg gibt Dir Recht. Du hast Dich 2001 selbständig gemacht und bist seit acht Jahren im 1. Bezirk Wiens…

Die Jahre davor hat sich eigentlich genauso viel abgespielt. Ich mache schon sechs Jahre bei der Vienna Fashion Week mit und mache schon seitdem ich in Wien bin Pressearbeit in Zusammenarbeit mit den Prominenten.

Miss Austria 2015 hat ja auch etwas von Dir getragen…

Das ist nicht die erste Miss Austria, die etwas von mir trägt, sondern die dritte, glaube ich. Bei der Miss Austria steckt ja eine Organisation dahinter und man arbeitet mit dieser zusammen, der Miss Austria Corporation. Man versucht, mit verschiedenen Personen oder Firmen Synergien zu finden. Das geht manchmal von mir aus, aber sehr oft von den anderen. D.h. Firmen oder Namen, nennen wir es mal so, fragen dann an, ob man mit mir zusammen arbeiten könnte in der unterschiedlichsten Form. Zum Beispiel hat Miss Austria ja im Sommer, da war es wirklich sehr, sehr heiß, die Miss Austria-Wahl veranstaltet in Baden bei Wien und da ging es z.B. um die Ausstattung einer gesamten Modenschau. Das sind dann also Kooperationspartner. Das kann einmal eine Miss Austria sein, das kann sein eine Gitta Saxx, das kann sein eine Alexandra Meissnitzer, die in Österreich als Skirennfahrerin sehr bekannt ist.

Aber auch andere Prominente tragen auf dem Roten Teppich Sabine Karner. Hast Du mit diesem Erfolg gerechnet?

Natürlich. Es ist aber immer die Frage: definiere Erfolg. Also was versteht man darunter? Es ist natürlich klar, wenn man ein gutes Netzwerk hat, dann ist es eigentlich fast automatisch, dass man mit dieser Art von Leuten zu tun hat oder Kontakt hat. Das wird von Außen natürlich als sehr erfolgreich wahrgenommen. Aber im Grunde ist es PR-Arbeit. Für mich als Firma oder als Name ist es eigentlich völlig egal, ob ein Artikel in der Zeitung ist oder ein Foto auf Facebook, oder wo mich jemand auf Twitter taggt, oder es ein Prominenter ist, der meine Sachen trägt. Für mich ist das alles sozusagen ein Paket, das sich Presse- und PR-Arbeit nennt.

Was ist denn für Dich persönlich Erfolg?

Persönlich ist Erfolg, wenn man sich als Unternehmer eine gute Basis schaffen kann und arbeiten kann – das ist für mich Erfolg.

Ich habe den Eindruck, dass Du das erreicht hast…

Ja, seit 15 Jahren mache ich das schon. Da kann man jetzt schon sagen, wenn man es von der betriebswirtschaftlichen Seite her sieht, dass sich das Unternehmen etabliert hat.

Wie nimmst Du den Erfolg wahr? Hast Du weniger Zeit für gewisse Dinge, weniger Zeit für Dich oder ist es ein Opener für gewisse andere Sachen in Deinem Leben?

Es ist eine wirkliche persönliche Bereicherung für mich, z.B. mit Schauspielern zu tun zu haben, bei Filmen oder bei Drehs, morgen z.B. habe ich wieder einen Dreh, mitzuarbeiten. Das sind tolle Leute, die was zu sagen haben und ein großes Talent haben, das find ich toll. Was den unternehmerischen Erfolg anbelangt, hat das eigentlich keine Auswirkungen auf mein Leben, weil es mein Leben ist. Würde ich nicht selbständig arbeiten, dann wäre ich sicher in einem Job, der halt ganz normal seine Arbeit oder Überstunden oder besonderen Einsatz verlangt. Für mich ist das jetzt nichts, wo ich sage, das verändert mein Leben in die eine oder die andere Richtung. Ich habe trotzdem Zeit für meine Freunde, kann trotzdem Reisen. Muss nicht um sechs Uhr aufstehen, auch deswegen weil ich keine Kinder habe, das ist ein riesiger Vorteil. Ich habe jetzt nicht den Eindruck, dass es in irgendeiner Form mein Leben verändert oder besonders prägt.

 

 

Woraus schöpfst Du Deine Kraft?

Aus mir selber.

Worin gründet sich das?

Aus der Auseinandersetzung mit sich Selbst, einem Dialog.

Was inspiriert Dich?

Das ist eine lustige Frage, die ich wirklich ständig gestellt bekomme und auf die ich noch heute keine richtige Antwort habe. Aus dem Grund, weil Inspiration… oder meine Antwort da vielleicht ein bisschen unbefriedigend ist, denn: es kann alles Inspiration sein für mich. Es ist ein Erlebnis, vielleicht ein Wort oder ein Gefühl, das mit etwas verbunden ist und daraus entsteht z.B. ein Thema. Es kann aber auch konkret ein Foto sein oder etwas, das ich im Fernsehen sehe oder im Kino oder ein Buch aufschlage.

Kannst Du spontan fünf Musiktitel nennen, die Du sehr gerne hörst, die Dir wichtig sind?

Ich bin bei Namen sehr schlecht, was das anbelangt. Ich bin sehr froh über die technischen Möglichkeiten. Ich höre ständig Internet-Radio und wechsle da ab. Am Anfang war das sehr lustig, sich da durchzuklicken, durch die verschiedensten Themen und da haben sich auf der einen Seite so Funk-/Groove-Sender herauskristallisiert. Das höre ich dann, wenn ich ein bisschen Power brauche, oder wenn meine Kunden ein bisschen Feuer unterm Popo brauchen. Dann habe ich mir auch so ein paar esoterisch anmutende Sender heraus gesucht, die heißen dann Abalone und Cosmic Waves, das ist dann eher ein bisschen zum Runterkommen. Das ist stimmungsabhängig.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Freiheit.

 

Jörg Preuss im Interview mit Sabine Karner
Wien, 09. November 2015

 

 

 

 Benjamin Ruschin

Benjamin Ruschin, Geschäftsführer von Vienna Digital

Benjamin Ruschin, Geschäftsführer von Vienna Digital

 

Wo bist Du geboren?

Ich bin in München geboren.

Wie bist Du aufgewachsen?

Ich bin sehr international aufgewachsen, war in einem internationalen englischsprachigen Kindergarten und einer internationalen englischsprachigen Schule. Ich bin sehr früh erwachsen geworden und habe Verantwortung übernommen für meine drei kleinen Geschwister. Bis ich 16 Jahre alt war, war ich immer ziemlich schlecht in der Schule und mit 17,18 habe ich dann entschieden, dass ich doch was erreichen wollte. Dann habe ich mich umorientiert und angefangen, Gas zu geben.

Was hat Dich bewogen, die Studienrichtung Business Management einzuschlagen?

Ich musste schon mit 16 entscheiden, was ich machen will, weil ich mit 17 Abitur gemacht habe. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was ich machen will und habe mich dann entschieden, Betriebswirtschaft zu studieren, weil ich mich damit relativ breit aufstellen konnte.

Du hast in Leeds und Warwick studiert – wie war diese Zeit für Dich?

In Leeds war ich auf einer Uni mitten in einer Studentenstadt. Das war für mich eigentlich eine Fortführung von der Schule, weil ich mit sehr internationalen Leuten zusammen war, mit Asiaten, Amerikanern, Deutschen, allen möglichen Nationalitäten. In Warwick war das dann anders, dort war ich auf einer Campus-Universität mitten im Nichts. Das war eine sehr künstliche für die Studenten kreierte Welt, sprich Supermärkte und Banken nur für die Studenten. Es war eine sehr lehrreiche Zeit, ich habe mich, was meine Fähigkeiten angeht, recht gut weiterentwickeln können, in Kommunikation, Teambuilding, aber auch einfach was Zielsetzung und Projektmanagement angeht. Und es war eine lustige Zeit, vor allem das erste Jahr in England. Wir sind viel weggegangen, viel ausgegangen, haben viel Party gemacht. Und ich habe mich da auch entfalten können.

Liegt Dir die englische Lebensart?

Nein, die britsche überhaupt nicht. Ich bin absolut kein Fan von England. Ich habe gerne gutes Essen, gutes Wetter, geschmackvoll gekleidete Menschen und lebe auch gerne auf einem guten Niveau. Für mich war das in England nicht der Fall: das Wetter war schlecht, das Essen war schlecht, es hat immer geregnet. Auch die Lebensqualität ist nicht vergleichbar mit der in Österreich. Was das Preis-Leistungs-Verhältnis anbelangt, da haben wir einfach in Österreich einen viel höheren Standard.

Wie kam es, dass Du für die UNO in New York gearbeitet hast und was hast Du dort genau gemacht?

Das war eine sehr kurze Geschichte: es gab ein Programm von einer NGO, die in die UNO eingebunden ist, Athgo International. Die machen ein Mal im Jahr eine gemeinsame Konferenz mit einwöchigem Engagement mit der UNO, wo 400 Studenten in diesem Zeitraum zusammenkommen und von ihren Professoren vorher ausgewählt werden und empfohlen werden. Mein Lieblingsprofessor, der internationales Marketing unterrichtet hatte, hatte mich für diesen Exkurs empfohlen. Das war erfolgreich: es ging um das Thema Klimawandel, wo wir Empfehlungen für die eigentlichen UNO-Konferenzen zum Thema Klimawandel in Bezug auf deren Agenden und auch konkrete Projekte abgegeben haben.

 

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Wie lange hast Du in New York gelebt?

Das war wirklich nur ganz kurz. Ich war schon drei, vier Mal in New York und mag die Stadt sehr gerne. NY ist wahnsinnig multikulturell, das gefällt mir sehr gut. Dort sieht man Polizisten, die einen Turban tragen oder dunkelhäutige Polizisten. Das ist in Österreich undenkbar, das gibt es hier nicht. Als Polizist in Österreich muss man österreichischer Staatsbürger sein. Und deshalb ist New York toll, eine Stadt mit Künstlern und Kreativen. Ich habe im New York Sports Centre trainiert, neben Bankern, Türstehern, Polizisten und allen Möglichen. Das ist so eine flat world, die mir ganz gut gefällt.

Wie ist es für Dich, jetzt in Wien zu leben?

Wien ist eine super Stadt zum Leben. Die Lebensqualität, das Preis-Leistungs-Verhältnis, gutes Essen, geschmackvolle Leute, eine relativ gute Wirtschaft. Wir haben in Wien bzw. in Österreich eine politische Führung, die von einer völligen Inkompetenz geprägt ist. Wir haben einen Bundeskanzler, der sich nicht für die Wirtschaft interessiert. Wir haben ein wahnsinnig hohes Maß an Korruption in der Politik in Zusammenarbeit mit dem Boulevard, der hier sehr präsent ist (Anm.: gemeint sind Presseorgane wie „Krone“, „Österreich“ oder „Heute“). Wir haben Menschen in Positionen, die sie nicht befüllen sollten.
Was sich in Wien auch beim letzen Wahlkampf abgespielt hat, ist, dass die Freiheitliche, sprich die Rechte Partei, in der es von Neonazis nur so wimmelt, ein Drittel der Stimmen bekommen hat, auf Grund der Tatsache, dass sie mit der Angst der Menschen spielen und insbesondere die Flüchtlingskrise jetzt für sich benutzt haben. Das ist ein sehr besorgniserregender Trend, dass hier doch das rechte Gedankengut nach wie vor präsent ist. Und in der Wien-Wahl haben wir jetzt eben gesehen, wie sich das ausprägt. Was mich massiv stört an Wien ist die Korruption, das rechte Gedankengut und eben auch die inkompetente Politik. Ansonsten bekommt man als Bürger nicht viel davon mit. 

Was sind digitale Medien für Dich?

Digitale Medien sind Kanäle, über die Inhalte ausgespielt werden. Es gibt verschiedene digitale Kanäle, die alle über das Internet funktionieren. Es gibt Social Media-Kanäle, es gibt Websites, es gibt mobile Applikationen.

Worin liegen der Nutzen und die Möglichkeiten dieser digitalen Medien?

Der erste Nutzen ist Reichweite: man kann über digitale Kanäle viele Menschen zeitgleich erreichen. Der zweite Nutzen ist der Dialog: ich kann über digitale Kanäle mit vielen Menschen gleichzeitig kommunizieren. Wenn ich z.B. soziale Medien nutze wie Whatsapp, Facebook, Skype, Instagram, auch LinkedIn oder Xing, habe ich hier einfach die Möglichkeit, viel schneller und viel effizienter zu kommunizieren als wenn ich es z.B. telefonisch machen würde. Als Marketer kann ich Menschen mobilisieren, um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu kaufen und das ist aus meiner Sicht der große Vorteil. Ich kann auch multimedial aktiv werden und in Form von Videos oder auch Audio-Inhalten Nachrichten übermitteln und dadurch Menschen bewegen.

Wie verändern diese digitalen Medien in der Zukunft die Gesellschaft? Wird es Zeitungen noch in gedruckter Form geben? Was wird verschwinden oder was wird kommen?

Eine große Veränderung, die es gibt, ist die völlige Transparenz. Über Kanäle wie Facebook und andere Medien wird plötzlich die Kommunikation, die vorher informell stattgefunden hat, weil keiner eine Aufnahme davon gemacht hat, nun abgespeichert. Das kann viele Vorteile haben, dass ich mir eben anschauen kann: was habe ich mit Person X vor drei Monaten auf Skype oder auf Facebook oder woanders gesprochen. Aber es kann auch ganz andere negative Effekte haben, wenn diese Informationen in Hände von Leuten geraten, die sie nicht haben sollen. Einerseits durch Daten-Lecks, durch Versehen. Andererseits durch Kriminalität, wo bestimmte Plattformen gehackt werden und plötzlich Daten öffentlich gemacht werden, durch terroristische oder politische Gruppen. Also plötzlich gibt man anderen die Möglichkeit, Einblick in die eigenen Aktivitäten, in das eigene Leben zu nehmen.

 

 

Es gibt Befürworter, die darin einen Vorteil sehen…

Ja, das kann auch Vorteile haben: für mich ist es etwas Positives, dass ich über Facebook mit Freunden aus der ganzen Welt in Verbindung bleiben kann, mit denen ich sonst nicht regelmäßig in Kontakt stehen würde. Aber auf der anderen Seite finde ich es relativ besorgniserregend, dass wir uns derartig exponieren und derartig unser Leben aufzeichnen, weil die Frage ist nicht: Wird jemand Zugriff auf die Informationen haben, sondern: Was könnte theoretisch passieren, wenn jemand Zugriff darauf bekommt?

Wird es in der Zukunft freier oder sicherer werden, dass man Bestrebungen hat, gewisse Filter oder Regularien einzubinden?

Ich glaube nicht, dass wir freier werden durch das, was sich abzeichnet. Beispielsweise auf Facebook: ich kann nur aus wenigen Optionen auswählen, was ich tun möchte. Mir wird vorgegeben, wie ich kommunizieren kann und die Kommunikation wird eingeschränkt. Was natürlich auch passiert, ist, dass der persönliche Kontakt zu den Menschen verloren geht. Weil eine Nachricht auf Facebook zu schreiben ist nicht dasselbe wie zu telefonieren oder sich persönlich zu treffen. Es führt unter anderem dazu, dass wir die Menschen, die uns nahe stehen, nicht mehr treffen, sondern ihnen nur noch virtuell begegnen.
Ein Beispiel ist auch, dass man auf Facebook jetzt noch bestimmte Dinge, was die Meinungsfreiheit anbelangt, veröffentlichen kann. Aber es gibt Bestrebungen, diese Meinungsfreiheit einzustellen. Wenn ich auf einer Facebook-Seite einer Firma etwas schreibe, z.B. eine negative Kritik, kann die das löschen, kann die Kommunikation ungeschehen machen, auch rückwirkend. Wir können die Geschichte sozusagen verändern.
Ich glaube, dass wir in Zukunft schon den Trend erleben werden, dass uns vorgegeben wird, was wir über digitale Medien kommunizieren dürfen und was nicht. Nachdem die Kommunikation immer stärker über diese digitalen Medien abläuft, bedeutet das, dass unsere Kommunikation reguliert wird in Bezug auf WIE wir kommunizieren und WAS wir kommunizieren. Das halte ich für ein sehr problematisches Thema, weil die Frage auch ist: WER reguliert das? Im Moment sind das amerikanische Konzerne, die uns das vorgeben.

Wie benutzt Du für Dich privat digitale Medien? Hast Du Dir z.B. ein Freizeitverbot auferlegt?

Nein, ich bin rund um die Uhr auf Facebook und Whatsapp aktiv und bin täglich auf Skype. Ich bin einer von den Personen, die ständig überwacht werden und die man völlig durchleuchten kann, wenn man diese sozialen Medien aufmacht und mal schaut, was da eigentlich kommuniziert wird. Es ist absurd, weil ich kritisch bin und es besorgniserregend finde. Aber gleichzeitig bin ich jemand, der genau das tut, wovor man sich eigentlich schützen müsste.

Was treibt Dich an?

Ich bin extrem ehrgeizig. Ich bin nie zufrieden. Ich bin jemand, der ständig aktiv ist und etwas machen muss und auch ständig kommuniziert. Ich habe viel mit Menschen zu tun. Es macht mir Spaß mit Menschen zu arbeiten, es macht mir Spaß, mir Ziele zu setzen und die zu erreichen. Bei mir ist es so, ich will immer mehr und mehr machen und egal wie groß der Erfolg von einem Projekt ist: es ist für mich nie genug, es muss immer noch mehr sein.

Woraus schöpfst Du Kraft?

Ich mache viel Kraftsport. Ich gehe vier bis fünf Mal pro Woche ins Fitness-Center, gehe auch dort ans Limit. Auch mit meinem Hund zu spielen und zu lesen, gibt mir Kraft. Abschalten ist für mich schwierig, das geht eigentlich nur im Fitness-Center, beim Laufen, beim Sport, im Urlaub.

Das letzte Buch, das Du gelesen hast…?

Das heißt „Rehwild“ und ist ein Buch über die Rehjagd.

Welches Buch würdest Du schreiben und wovon würde es handeln?

Ich würde ein Buch schreiben über das Leben im Jetzt. Die meisten Menschen leben in der Vergangenheit oder in der Zukunft, die machen sich Sorgen über die Zukunft oder Gedanken über die Vergangenheit. Aber das, was die wenigsten Menschen tun bzw. können ist, den Moment zu leben. Und darüber würde ich schreiben.

Deine Top 5 auf dem iPod?

Einen iPod habe ich nicht, aber ich höre Spotify auf dem iPhone, habe ein Spotify-Abonnement. Und da höre ich nur vorgegebene Playlisten. Ich könnte jetzt ehrlich gesagt gar nicht sagen, wie die Lieder heißen und wer das ist. Das sind alle Musikrichtungen, keine bestimmte.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Gutes Essen. Und die Arbeit. Wenn ich nichts zu tun habe, drehe ich durch und bin eigentlich ein Workaholic.

 

Jörg Preuss im Interview mit Benjamin Ruschin
Wien, 06. November 2015

 

 

 

 Frédérique Veith

Frédérique Veith, Autorin, Producerin und Regisseurin

Frédérique Veith, Autorin, Producerin und Regisseurin

 

Wo bist Du geboren?

Ich bin in München geboren, weil meine Eltern sich 1972 die Olympiade angeschaut haben, da bin ich einfach rausgeplumpst.

Du bist Deutsch-Französin. Kannst Du beschreiben, wie Du aufgewachsen bist?

Ich bin vorwiegend in Deutschland aufgewachsen, aber meine Mutter ist Französin. Ich muss dazu sagen, unsere Mutter – ich habe noch drei Geschwister – hat uns nie geantwortet, wenn wir mit ihr auf Deutsch gesprochen haben. Sie hat gemeint, ich will nicht in einer ausländischen Sprache mit Euch sprechen. Und deswegen ist Französisch im wahrsten Sinne des Wortes meine Muttersprache – die Sprache der Mutter. Und ich bin von kleinauf eher mit Französisch konfrontiert gewesen. Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, hat mich das Deutsche immer geprägt. Ich habe auch in Frankreich studiert, war in Frankreich in der Schule. Es ist sehr schwer, gerade mit dem, womit ich mich mehr befassen wollte, nämlich Journalismus, zwei Sprachen auf einem Level zu halten. Ich habe das auch am Anfang gemacht, aber dann habe ich gemerkt, gerade wenn man schreibt, das ist fast unmöglich.

Du hast ein Volontariat beim Radio gemacht.

Ja, ein Volontariat beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem Saarländischen Rundfunk. Den hatte ich mir speziell ausgewählt, weil er die Nähe zu Frankreich hat und man viel über Frankreich berichten konnte. Eineinhalb Jahre durchläuft man verschiedene Stationen bei Radio und Fernsehen und wird als Journalist ausgebildet: Man muss bestimmte Dinge bestreiten wie tagesaktuelle Nachrichten.

Du warst auch im Ausland, z.B. in Belgrad …

Das war mein kühner Gedanke, als ich sehr spät den Entschluss gefasst hatte, Journalistin werden zu wollen: eigentlich will ich Geschichten erzählen! Was nicht unbedingt der Journalismus alleine macht. Ich bin jetzt auf keinen Fall, und das musste ich schmerzhaft feststellen, der Journalist, der einfach berichtet, investigativ aufdeckt… Ich will eher Menschen begegnen, wissen was sie bewegt und ihre Geschichten erzählen. Das ist für mich ein unwahrscheinlicher Schatz, das machen zu dürfen, weil mir viel Vertrauen in die Hände gelegt wird. So habe ich dann gefunden, was ich eigentlich machen will. Belgrad war deshalb so naiv von mir, weil ich dachte, viele Sprachen zu sprechen. Französisch sowieso, Englisch – ich werde Auslandskorrespondentin! Ich war im ARD-Korrespondentenstudio Hörfunk Osteuropa, das damals in Belgrad war. 1996, der Dayton-Friedensvertrag war gerade unterzeichnet. Das war natürlich eine heiße Phase: gerade Waffenstillstand in einem sehr vehementen Konflikt, mit dem ich mich auch lange beschäftigt und auseinander gesetzt habe. Die Redakteure zuhause wollen eigentlich nur erfahren: Wie viele Menschen sind wo gestorben? Aber das eigentliche “Warum”, “Wie fühlen sich die Menschen dort, was bewegt sie?” und diese ganzen Geschichten, die durfte ich in der Situation nicht erzählen. Das war wahrscheinlich das, was meinen Weg bis heute mitbestimmt hat. 

Der Wunsch, Geschichten zu erzählen hat Dir dann auch den Weg zum Filmemachen und zum Fernsehen beschert?

Ich habe mich dann entschieden, nach meiner Ausbildung in der Kultur Fuß zu fassen und war fünf Jahre lang Kulturredakteurin und -reporterin, weil ich da gestalterisch die größtmöglichen Entfaltungsmöglichkeiten gesehen habe. Visuell war da viel mehr erlaubt, als wenn man einen Nachrichtenfilm macht – erzählerisch und visuell war mir so viel mehr Spannbreite gegeben.

 

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Wie bist Du Regisseurin geworden?

Irgendwann stellte sich die Frage: “soll ich bei irgendeinem Sender auf dem untersten Level anfangen, oder soll ich es einfach wagen?” Dann habe ich mich auf einer Filmschule beworben und bin angenommen worden. Aber irgendwie war es für mich schon immer klar, dass ich das machen wolle, auch wenn andere zu mir gesagt haben: „bist Du wahnsinnig geworden, Du hast einen super Job, Du kannst doch sowas jetzt nicht auch noch machen…” – aber ich dachte irgendwie “jetzt oder nie”! Ich glaube, das hätte ich mir nie verziehen. Ich bin so viel mehr mit mir selbst im Reinen. Ich habe ja dann die Filmschule gemacht. Die größtmögliche Schnittmenge zwischen Journalismus und Film war der Dokumentarfilm, das lag ja auf der Hand. Ich sage immer “ey, das Leben schreibt so unglaubliche Geschichten, so etwas kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken. Man muss nur die Augen aufmachen und die Geschichten liegen auf der Straße”. So habe ich mich erstmal viel mehr mit Dokumentarfilm auseinander gesetzt und das ist immer noch für mich ein sehr spannendes, tolles und direktes Genre. Da etwas erzählerisch auf den Punkt zu bringen, ist für mich eine Herausforderung.

Dein aktueller Film “Die Sommersprosse” , den Du hier in München auf dem Filmfest zeigst, was kannst Du darüber sagen?

Mit Spielfilm habe ich auch immer geliebäugelt… Beim SR habe ich auch in der Tatort-Redaktion meine Nase reinstecken können und hatte ein paar Erfahrungen gemacht und in meiner Ausbildung an der DFFB-Filmschule (Anm.: in Berlin) war vor allem auch Spielfilm-orientiert. Und irgendwie hatte ich mir in den Kopf gesetzt, wenn ich das irgendwann mal mache, dann keinen Krimi, sondern ich hatte an einen Kinderfilm gedacht. Irgendwie hatte ich immer schon zu Kindern Berührung gehabt und fand das auch sehr spannend: mit Kindern kann man ja nicht so performen, wie arbeitet man mit denen, dass die das rüberbringen, ohne dass das halt Schultheater ist. Das fand ich total spannend, das rauszufinden, auch für Kinder Geschichten zu erzählen.

Und dann habe ich Thomas (Anm.: Thomas Johannes Hauck, Autor der „Sommersprosse“ und Schauspieler) kennengelernt. Er hatte auch selber schon versucht, Dinge filmisch umzusetzen. Wir entschlossen uns dann zur Zusammenarbeit und er hat mir die “Sommersprosse” vorgeschlagen. Ich habe gesagt, ich will einen zeitlosen Film machen. Es sind nur zwei Dinge nicht erlaubt, nämlich Pink und Plastik, das war so eine Marschroute. Aber wann das jetzt spielt, ob das in den 80er Jahren oder wann auch immer spielt, war total egal. Vom ersten Kennenlernen bis zum fertigen Film hat es ein Jahr gedauert.

Welche Unterstützung hast Du bei Deinem Filmprojekt bekommen?

Die größte Unterstützung hatte ich von lieben Freunden. Kurzfilme zu machen in Deutschland außerhalb von Filmhochschulen, ist eigentlich fast unmöglich, weil es keinen Markt dafür gibt und keine Produzenten. Ich habe diese Freunde, Micah Magee und Johan Carlsen, die eine kleine Firma haben, die selber Regisseure sind und habe Maika gefragt, ob sie jemanden kennt, der das produzieren würde. Sie sagte dann, dass wir das doch zusammen machen können. Ich habe die Idee gehabt mit dem kleinen Dorf als Drehort in Schleswig-Holstein und habe zur Filmförderung Kontakt aufgenommen, sie zum Medienboard (Anm.: Berlin-Brandenburg GmbH, Filmförderung und Standortmarketing für die Hauptstadtregion). Dank der beiden Filmförderungen haben wir dann ein Budget auf die Beine gestellt, mit dem wir das dann realistisch umsetzen konnten, ohne dabei besonders reich zu werden, aber das Geld war da, dass wir es machen konnten.

Gibt es einen persönlichen Lieblingsfilm von Dir? Einen Film, der Dich vielleicht auch inspiriert oder stark beeindruckt hat?

Ich komme ja aus beiden Kulturkreisen, Frankreich und Deutschland und man muss ganz klar auch sagen, dass Frankreich eine ganz andere Filmkultur und einen Bezug zu Film hat. Man wächst anders auf mit Film, Film ist auch Thema in der Schule, das gehört zur bildenden Kunst wie Theater, wie Oper, wie Klassik. Diese Auffassung hat man in Deutschland nicht immer so direkt. In Frankreich wird das in der Schule auch teils mit unterrichtet, man lernt was über große Regisseure, Kino – man geht auch manchmal morgens oder mittags mit der ganzen Familie ins Kino. Richtig große französische Filme werden in Frankreich auch im Kreise der Familie diskutiert – es sorgt halt für Gesprächsstoff. So etwas habe ich nie in Deutschland erfahren.

 

 

Wie entspannst Du Dich?

Wir haben seit drei Monaten ein Segelboot und ich hätte nie gedacht, dass das diesen Effekt hat: einfach aus der Stadt rauszufahren, mich in dieses Boot zu setzen und mich von der Kraft des Windes übers Wasser treiben zu lassen… das ist unglaublich, das kann ich jedem empfehlen, das finde ich super. 

Kannst Du mir fünf Musiktitel nennen, die Du zur Zeit sehr gerne hörst?

Ich mag sehr gerne tanzbare Musik. Wir gehen aber auch regelmäßig in die Komische Oper (Anm.: in Berlin), so dass ich mein Loch an Klassik gerade so ein bisschen wettmache. Ich habe gerade mit meinem Sohn wieder die Beatles ausgegraben, die wir lauthals mitsingen. Alles, was so ein bisschen tanzbar, funky und diese Disco-Ära betrifft. Ich war auch früher wahnsinnig viel auf Festivals und habe alternative Sachen gehört. Ich war auch in Frankreich, als die “Fete de la Musique” war und da war so eine Brassband, eine Combo, die Blasmusik macht, viele Generationen durcheinander und alle tanzten. Das hat mich total beeindruckt.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Meine kleine Familie. Ich bin ein Mensch, der nicht gerne alleine ist. Freunde spielen auch eine große Rolle, wobei ich auch nicht die bin, die jeden 25 Mal anruft. Ich liebe zum Beispiel: auch wenn man sich drei Jahre nicht gesehen hat, und dann nimmt man den Hörer zur Hand und hat jemanden am anderen Ende und es ist, als ob man sich das letzte Mal gestern gesehen hat… das sind für mich so Momente, wo ich denke, das sind ganz echte Gefühle, die dabei im Spiel sind und das spürt man. Das ist für mich total wichtig. Nein, das ist für mich mit das Wichtigste.

 

Jörg Preuss im Interview mit Frédérique Veith
München, 04. Juli 2015

 

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 Julien Emmanuel Knauer

Julien Emmanuel Knauer, Künstler und Heilpraktiker der Psychotherapie

Julien Emmanuel Knauer, Künstler und Heilpraktiker der Psychotherapie

 

Wo bist Du geboren?

In Paris, und zwar am 30. Mai 1966. Dort bin ich bei Pflegeeltern aufgewachsen. Zur Einschulung bin ich dann nach München zu meinen leiblichen Eltern gekommen.

Bist Du in einem kreativen Familienumfeld aufgewachsen?

Nein, Kreativität war nie ein Thema in unserer Familie, und wurde mir sogar als Kind verwehrt.

Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Der eigene Antrieb. Ein starkes Verlangen hat mich dazu gebracht, mich mit Kunst zu beschäftigen. Ich habe aus eigenem Antrieb nach der Kunst gesucht. Es gab keine von außen zugeführte Schulung oder Unterstützung. Es war eine Gewissheit, die mich aus mir heraus zur Kunst geführt hat.

Hast Du deswegen auch Kunst studiert?

Kunst zu studieren war eine logische Konsequenz für mich. In den 80er Jahren war London eine Stadt, aus der Musik und Mode hervorgingen. Deswegen habe ich da zwei Jahre gelebt.

Wo liegen Deine Wurzeln in Deiner Kunst?

Die Wurzeln in meiner Kunst sind vielfältig. Sie liegen zum einen in der afrikanischen Kunst sowie in der asiatisch-buddhistischer Tradition. Durch meine Herkunft ist der europäische Kunstkanon von der Renaissance bis zur klassischen Moderne natürlich auch ein fester Bestandteil. Auf meinen Reisen hat mich die schamanische Kunst, z.B. in Australien, sehr beeindruckt und mich Neues gelehrt. Wie ich mit den Medizinmännern und den Schamanen unterwegs war und wir unsere Körper bemalt haben, also Kunst am Körper. In Australien wurde ich von den Aborigines eingeführt in die Gedanken- und Erlebniswelt der Aborigines: dort ist es existentiell, dass Kunst nicht vom Leben losgelöst ist, sondern Kunst ist Leben und wird als Einheit verstanden. Nicht, wie bei uns, wo Kunst im Museum stattfindet. Für Buschleute und archaische Stämme, die zum Teil noch in der Wildnis leben, gehört Kunst zum Leben wie Essen und Trinken.

 

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Ist das auch ein Grund für Dich gewesen, eine Heilpraktikerausbildung zu machen?

Der Schwerpunkt in meiner Tätigkeit als Heilpraktiker ist, Menschen mit Kunst zu helfen und im besten Sinne zu heilen. In der Ausbildung lag mein Augenmerkt auf der traditionell buddhistischen und tibetischen Medizin, die ja auch eine starke schamanische Ausprägung hat. Und da habe ich mich zum Teil auch selbst therapeutisch behandelt, mit Mantren, Meditation, Gebeten, Gesang und auch mit heilenden Bildern.

Wenn Du von Gebeten sprichst: welchem Glauben gehörst Du an?

Also ursprünglich bin ich römisch-katholisch erzogen worden und aufgewachsen, aber habe nie einen Bezug dazu entwickelt. Im Buddhismus, speziell im tibetischen, fühle ich mich aber Zuhause und aufgehoben.

Bist Du praktizierender Buddhist?

Ich habe die nötige Zeremonie dafür empfangen und es ist fester Bestandteil meines Alltags. Mir ist es wichtig, dass Buddhismus gelebt wird und lebendig bleibt.

Wie kann Kunst uns heilen?

Kunst als Begriff kann uns nicht heilen. Wir können nur dann uns heilen bzw. den Heilungsprozess anstoßen, wenn wir selber dazu bereit sind, uns zu öffnen. Dann kann die Kunst heilen.

 

 

Kann die Art Deiner Farbtherapie Menschen öffnen?

Die Farbtherapie, der Farbdialog, die ich mit meinen Klienten durchführe, kann die Menschen öffnen. Aber auch da gilt wiederum: es muss eine Grundbereitschaft da sein, sich öffnen zu lassen, auch wenn sie unbewusst ist. Wenn sich Energien Bahn brechen, wenn unbewusste Inhalte nach Außen drängen, dann ist auch Angst immer mit dabei. Weil Angst einer unserer großen Antreiber ist.

Wie nimmst Du das Leben wahr?

Sehr unterschiedlich. Mal nehme ich das Leben wahr als Abfolge von unangenehmen Ereignissen und Dingen, die zu tun sind. Mal bin ich sozusagen im „Flow“, wo ich das Leben als Teil eines größeren Spiels erkenne. Es ist sehr, sehr unterschiedlich und ich denke mal, dass ich als Person oder dass jeder als Person so viele Facetten in sich hat, dass auch die Wahrnehmung manchmal widersprüchlich sein kann innerhalb einer kurzen Zeit.

Was inspiriert Dich?

Alles inspiriert mich. Es gibt eigentlich nichts, wo ich keine Inspiration verspüre. Außer beim oder durchs Fernsehen, weil ich keinen Fernseher hab, das inspiriert mich jetzt momentan nicht.

Gibt es für Deine Kunst eine bestimmte Bezeichnung, Stilrichtung?

Meine Art der Kunst ist recht vielfältig. Ich bin kein reiner Abstrakter, d.h. figurative Elemente sind eigentlich immer mit dabei. Ich würde sagen, dass ich auch sehr symbolhaft arbeite und diese Symbole sowohl als Kunstmittel einsetze als auch durch diese Symbole dann dem Betrachter sozusagen durch die Hintertür Heilung mitgeben möchte.

In letzter Zeit habe ich auch mit abstrakten Bildern begonnen. Die Abstraktion hat immer noch einen realen Hintergrund bzw. immer noch ein Thema, wo etwas klar zu erkennen ist.

Was liebst Du an Deinem Leben, an Deinem Schaffen, an Deinem Gestalten?

Was ich daran liebe, ist die Ruhe. Die innere Ruhe und die Freiheit, die mir das Schaffen gibt. Das ist ein Zugang zu meinem Universum. Und wenn ich versuche oder wenn es mir gelingt, es mit anderen Leuten zu teilen, bin ich glücklich. Und wenn es mir nicht gelingt, bin ich genauso glücklich.

Was ist Kunst für Dich?

Kunst ist auf jeden Fall für mich ein Akt der Unzufriedenheit. D.h. ich fühle und denke etwas, was ich so jetzt in meiner Umgebung nicht wahrnehme oder was noch nicht existiert. Aus diesem heraus möchte ich etwas erschaffen, was sich in meiner Wahrnehmung oder meinen Gedanken schon manifestiert hat. Und ein Künstler ist für mich derjenige, der mit dem Bestehenden, so wie es ist, nicht zufrieden ist, und aus dem heraus etwas neu erschaffen möchte. Das ist für mich Kunst, und auch mein Ansatz.

 

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Welche Relevanz hat die Kunst in der Gesellschaft?

Wenn die Kunst als eigener Teil existiert, als abgeschnittener Teil von der Gesellschaft, dann entsteht eine abgehobene Sicht darauf. Dann hat sie keinerlei Relevanz. Wenn man aber Kunst als Teil des Lebens, als Teil des Alltäglichen sieht, dann hat sie die größtmögliche Relevanz. Wie das Essen, das Trinken und das Atmen.
Kunst gehört zu unserem Leben.

Hast Du eine Obsession?

Meine Obsession ist die Kunst.

Welches Buch würdest Du schreiben, und wovon würde es handeln?

Ich würde ein Buch schreiben über 72 Stunden meines Lebens, und zwar eine innere Reise. Eine innere Reise, die mich zu Plätzen führt und zu Emotionen, die ich selber an mir noch nicht erlebt habe und die ich noch nicht kenne.

Was war das letzte Buch, das Du gelesen hast?

Das war ein Buch über buddhistische Psychotherapie, ein sehr gutes Buch von Matthias Ennenbach, das kann ich sehr empfehlen.

Was sind Deine Top 5 auf Deinem iPod?

Erstens buddhistische Mantren. Zweitens Jazz mit Yun Sun Nah. Drittens Dewa Premal, die Bhajans und Mantras. Dann liebe ich viertens Queen, ganz klar. Fünftens „American Five“ von Johnny Cash.

Wohin zieht es Dich, wenn Du aus der Großstadt für ein paar Tage entkommen möchtest?

In die Berge. Rausgehen. Ruhe. Auf eine Hütte oder meinetwegen auch in eine Höhle, wo ich mich zurückziehen kann und einfach nur sein kann.

Was ist für Dich unverzichtbar?

Nichts.

Jörg Preuss im Interview mit Julien Emmanuel Knauer
München, 08. Februar 2015

 

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